LANDTAG STEIERMARK
XV. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ 983/6

Schriftlicher Bericht

Ausschuss: Bildung

Betreff:
Geschlechtssensible Pädagogik.


zu:


EZ/OZ 983/6

Schriftlicher Bericht

Ausschuss: Bildung

Betreff:
Geschlechtssensible Pädagogik


zu:


  • 983/1, Geschlechtssensible Pädagogik (Selbstständiger Antrag)


Der Ausschuss "Bildung" hat in seinen Sitzungen vom 09.01.2007, 06.02.2007, 17.04.2007 und 08.05.2007 über den oben angeführten Gegenstand die Beratungen durchgeführt.

Der Ausschuss für Bildung, Schule, Kinderbetreuung, Wissenschaft, Forschung und Kultur hat in seiner Sitzung vom 6.2.2007 den Beschluss gefasst eine Stellungnahme der Landesregierung zum gegenständlichen Antrag einzuholen.

Seitens der Fachabteilung 6B wird dazu folgende Stellungnahme abgegeben:

Ad 1.)
 
Eine Analyse aller steirischen Kinderbetreuungseinrichtungen bezüglich des derzeitigen Stellenwertes und Einsatzes geschlechtssensibler Pädagogik durch externe "Expertinnen" ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass in der Steiermark derzeit 1577 Kinderbetreuungsgruppen in 832 Kinderbetreuungseinrichtungen geführt werden. Da geschlechtssensible Pädagogik Grundlage für sämtliche Handlungen im Alltag der Kinderbetreuungseinrichtungen sein muss, erfordert eine ernstzunehmende Analyse die Beobachtung des Gruppengeschehens über einen längeren Zeitraum. Die Erstellung einer solchen Studie würde also einen enormen zeitlichen und finanziellen Aufwand mit sich bringen und ließe befürchten, dass die Ergebnisse der Studie aufgrund der fortlaufenden Entwicklung (durch z.B. Fortbildungen, Sensibilisierung durch Fachberaterinnen, Personalwechsel in den Einrichtungen) bereits zum Zeitpunkt der Fertigstellung überholt wären.

Darüber hinaus ist die aktuelle Situation der Fachberatungsstelle der FA 6B aufgrund laufender Begleitung der Einrichtungen grundsätzlich ohnedies bekannt. Sinnvoller wäre es daher verstärkt Ressourcen für die fachliche Begleitung zur Verfügung zu stellen.

Nicht nachvollziehbar ist darüber hinaus gerade im Bereich geschlechtssensibler Pädagogik, dass die Analyse ausschließlich durch Expertinnen erfolgen soll und nicht auch Experten als geeignet betrachtet werden. Da laut Duden Feminismus eine Richtung der Frauenbewegung ist, die ein neues Selbstverständnis der Frau zum Ziel hat, geschlechtssensible Pädagogik jedoch die Entwicklung und Entfaltung von Kindern unabhängig von tradierten Rollenvorstellungen zum Inhalt hat, wäre auch zu hinterfragen, inwieweit der im Antrag genannte "Verein zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle" zur Vornahme der Analyse zu präferieren wäre.

Ad 2.)
 
Die Verankerung geschlechtssensibler Pädagogik in einer oder einzelnen Modelleinrichtungen ist keinesfalls dazu geeignet, die erwünschten gesellschaftlichen Wirkungen zu erzielen, sondern würde vielmehr zur Besonderung einer Thematik führen, die Selbstverständnis aller Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen sein muss. Weiters sind sowohl die Aufgabenstellung als auch Lösungsmodelle bekannt bzw. vorhanden und müssen nicht eigens in Modelleinrichtungen erprobt werden.

Ad 3. a)
 
Im Lehrplan für die Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik BGBl. Nr. 327/2004 ist im Punkt "II. Allgemeines Bildungsziel", "Spezielle Kompetenzen für die beruflichen Erfordernisse" unter anderem die "Fähigkeit zur Planung, Durchführung und Evaluation von personen-, altersgruppen- und aufgabenbezogener Bildungsarbeit (beispielsweise von Maßnahmen zu interkulturellem Lernen\; zu geschlechtssensibler Pädagogik\; zur speziellen Förderung von Kindern mit besonderem Förderbedarf und Integration\;(…)" ( …) angeführt.

Im Punkt "III. Allgemeine didaktische Grundsätze" ist unter anderem das inhaltliche und methodische Erfordernis der "Chancengleichheit der Geschlechter" (…) sowie "im Sinne einer ganzheitlichen Bildung die Unterrichtsprinzipien (…) Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern, Sexualerziehung (einschließlich Erziehung zum partnerschaftlichen Verhalten zwischen den Geschlechtern)" vorgesehen.

Diese Prinzipien und Lehrplaninhalte werden in jedem einzelnen Unterrichtsgegenstand nochmals extra angeführt und betont.

Ad 3. b)
 
Die Einführung eines Unterrichtsfaches "Geschlechtssensible Pädagogik" erscheint nicht sinnvoll, da eine rein theoretische, abstrakte Vermittlung dieser Inhalte, abgekoppelt von praxisbezogenen Gegenständen, nicht zielführend ist. Wie in der täglichen Praxis in den Einrichtungen, ist schon in der Ausbildung eine untrennbare Verknüpfung der geschlechtssensiblen Pädagogik (als Haltung bzw. methodisch-didaktischer Zugang) mit den eigentlichen pädagogischen Inhalten erforderlich.

Ad. 4)
 
In der Verordnung der Stmk. Landesregierung vom 15. Mai 2000 über die Ausbildungslehrgänge für KinderbetreuerInnen und Tagesmütter/-väter LGBl. Nr. 37/2000 sind in den §§ 2 und 3 die Ausbildungsbereiche und die didaktischen Grundsätze geregelt. Gemäß den obigen Ausführungen sind diesen die Grundsätze geschlechtssensibler Pädagogik immanent und bei der Vermittlung aller Ausbildungsinhalte anzuwenden. Natürlich kann dieser, an und für sich selbstverständliche Zusammenhang, im Zuge einer allfälligen, künftigen Änderung der Ausbildungsverordnung stärker betont werden.

Ad. 5)
 
§§ 4 ff des Steiermärkischen Kinderbetreuungsgesetzes LGBl. Nr. 22/2000 in der Fassung LGBl. Nr. 58/2004 regeln die gemeinsamen Aufgaben aller Kinderbetreuungseinrichtungen bzw. die Aufgaben der einzelnen Arten der Kinderbetreuungseinrichtungen. Dabei werden nicht einzelne Bildungsziele im Sinne eines Bildungsplanes, sondern allgemein definierte Ziele genannt. Die Verankerung von geschlechtssensibler Pädagogik als Bildungs- und Erziehungsziel im Steiermärkischen Kinderbetreuungsgesetz wäre daher vom Blickwinkel der Gesetzessystematik fehl am Platz. Einerseits müsste die Nennung eines einzelnen Bildungsziels im Gesetz im Umkehrschluss zum absurden Ergebnis führen, dass keine sonstigen Bildungsziele vorgesehen oder gar zulässig sind. Andererseits stellt geschlechtssensible Pädagogik aus Sicht der FA6B kein Bildungsziel sondern viel mehr eine spezifische Haltung bei der Vermittlung von Bildungszielen dar.

Allgemein wird noch auf die Bemühungen der FA 6B im Zusammenhang mit geschlechtssensibler Pädagogik hingewiesen:

  • Im Rahmen von Veranstaltungen der FA 6B wird geschlechtssensible Pädagogik laufend thematisiert und mit unterschiedlichsten Methoden eine Sensibilisierung der PädagogInnen angestrebt. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist auch die geschlechtssensible Sprache innerhalb der Berufsgruppe der PädagogInnen selbst.
  • Bei Fachberatungsterminen vor Ort wird auch in den Einrichtungen Unterstützung betreffend Bildungsmittel, Raumgestaltung, Rollenspiele, Medien und Literatur hinsichtlich geschlechtssensibler Pädagogik angeboten und laufend reflektiert.
  • Dazu zählen auch Information über Literatur zu diesem Thema und Möglichkeiten der Fortbildung. Derzeit wird an der Erstellung einer speziellen Literaturliste für PädagogInnen und Kinder gearbeitet.
  • Im Rahmen der schon im Sommer 2006 geplanten 3. Runde der Leiterinnen-Treffen in der Steiermark wird dem Thema geschlechtssensible Pädagogik spezieller Raum eingeräumt. Darüber hinaus werden laufend Gespräche mit ExpertInnen in diesem Bereich geführt, um zusätzlich Fortbildungsschienen zu entwickeln und/oder andere Konzepte der pädagogischen Umsetzung in der Praxis zu finden.
  • Im Fortbildungsprogramm 06/07 der FA 6B finden sich verschiedene Fortbildungsveranstaltungen zum Thema.

Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Der Bericht des Ausschusses für Bildung, Schule, Kinderbetreuung, Wissenschaft, Forschung und Kultur zum Antrag, Einl.Zahl 983/1, der Abgeordneten  Klimt-Weithaler, Kaltenegger, Dr. Murgg und Ing. Pacher, betreffend Geschlechtssensible Pädagogik, wird zur Kenntnis genommen.