LANDTAG STEIERMARK
XVI. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 339/1

Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT)

eingebracht am 01.03.2011, 10:25:24


Landtagsabgeordnete(r): Ingrid Lechner-Sonnek (Grüne), Lambert Schönleitner (Grüne), Sabine Jungwirth (Grüne)
Fraktion(en): Grüne
Zuständiger Ausschuss: Gesundheit
Regierungsmitglied(er): Kristina Edlinger-Ploder (ÖVP)

Betreff:
Einführung von Case Management für die Betreuung und Pflege älterer Menschen in der Steiermark

Im Jahr 2010 hat der Landtag Steiermark zwei Anträge einstimmig angenommen, die ein Gesamtkonzept für die längerfristige Entwicklung von Betreuung und Pflege für ältere Menschen in der Steiermark fordern. Dies vor dem Hintergrund, dass einerseits die Kosten für diesen Bereich eine stark steigende Tendenz aufweisen, andererseits jedoch auch viele Lücken im System sichtbar wurden: Es fehlen wirkungsvolle und verläßliche Unterstützungsleistungen für pflegende Angehörige, wie auch ergänzende Betreuungsdienste.

Was eine hilfsbedürftige Person an Unterstützung bekommt, hängt in der Steiermark von ihrem Informationsstand ab, von ihrer Durchsetzungskraft - oder der ihrer Umgebung, vom zufällig in der Region vorhandenen Angebot an Dienstleistungen. Betroffene und Angehörige werden oft von einem Tag auf den anderen mit der Notwendigkeit konfrontiert, Betreuung und Pflege zu organisieren und müssen sich erst mühsam in die Modalitäten der bürokratischen Abläufe und der vorhandenen Angebote einarbeiten. Nach wie vor ist das System der Betreuung und Pflege angebotsorientiert aufgebaut: Der hilfsbedürftige Mensch muss sich selbst zurechtfinden, alles herausfinden, für sich aktiv werden. In manchen Regionen hat man Glück, indem zumindest für die Zeit nach einem Spitalsaufenthalt eine kundige Person im entsprechenden LKH die Dinge in die Hand nimmt und mit den Betroffenen klärt bzw. organisiert (wie z.B. in der Pflegemediation im LHK Hartberg), meist ist es jedoch stark vom Zufall geprägt, ob man in dieser Phase kompetente Unterstützung bekommt - vor allem dann, wenn die Situation sich sukzessive verschlechtert, ohne dass kundige Fachkräfte davon Kenntnis bekommen und helfen können. Die steigende Zahl der vereinsamten und auch verwahrlosten Menschen, deren Situation erst spät offensichtlich wird, zeigt deutlich das Problem auf.

Wenn es gelingt, den Bedarf der betroffenen Person rasch und fachlich korrekt festzustellen und die nötigen Unterstützungsleistungen effizient zu organisieren, kann Betreuung und Pflege auch außerhalb stationärer Einrichtungen gut und kostengünstig funktionieren. "Familien brauchen zwei Voraussetzungen, um sich auf die Pflege und Betreuung ihrer Angehörigen einzulassen: Unterstützende Dienste und Sicherheit," sagt Dr. Klaus Zitt, der Gründer der Integrierten Altenpflege (IAP) Ludesch, Vorarlberg. Die von ihm gegründete und geleitete Organisation hat zum Ziel, dass Menschen so lange wie möglich in der gewohnten Umgebung selbstbestimmt leben können. Case Management hat in der Region Ludesch dazu geführt, dass die BürgerInnen gute Unterstützung bekommen, wenn sie sie brauchen und die Kosten in der Region nur 37% dessen betragen, was das Land Vorarlberg auf der Basis der EinwohnerInnenzahl errechnet hat.

Verschiedene Einrichtungen in Vorarlberg, die Case Management betreiben, beweisen, dass Betroffene und die öffentliche Hand davon profitieren. Auch Niederösterreich geht seit Jahren diesen Weg, die Niederösterreichische GKK hat zahlreiche Case ManagerInnen ausgebildet. Der betroffene ältere Mensch hat im Case Management eine direkte Ansprechperson, die mit ihm und für ihn den genauen Bedarf klärt, alles in die Wege leitet, auch später jederzeit erreichbar ist, wenn sich etwas ändert. Also ein verlässlicher Partner für alle Beteiligten. Dies ist besonders dort wichtig, wo die Familie, Verwandte, Nachbarn irgendeine Rolle in der Betreuung übernehmen sollen, aber ggf. auch andere Dienste zugekauft werden.

Das Fallbeispiel aus Bregenz zeichnet ein Bild vom Ablauf:
· Eine ältere Frau wird aus dem Krankenhaus entlassen. Ihre Tochter, die in einem anderen Bundesland lebt, macht sich Sorgen, wie die Mutter zurecht kommen wird. Sie wendet sich an die Case-Managerin der Region.
· Die Case-Managerin nimmt Kontakt auf mit dem Krankenhaus und der älteren Frau. Sie checkt das vorhandene Umfeld (wie sind die Voraussetzungen in der Wohnung, wer ist in der Nähe, der eine - auch ggf. ehrenamtliche - Funktion übernehmen kann, welche Dienste müssen zugekauft/organisiert werden) und organisiert ein System der Unterstützung. Sie erledigt die Behördenwege bzw. die Antragsmodalitäten. Sie vereinbart mit den Diensten den Betreuungsbeginn und die Leistungen. Sie informiert die Tochter über die getroffenen Vorkehrungen.
· 2-3 Tage nachdem die ältere Frau nach Hause gekommen ist, meldet sich die Case-Managerin bei ihr und erkundigt sich, wie es läuft.
· 3 Wochen danach fragt sie wieder nach, wie es der Frau (mit ihrem Unterstützungssystem) geht.
· Die ältere Frau weiß, dass sie die Case-Managerin jederzeit anrufen kann, wenn etwas nicht mehr passt, weil sich vielleicht auch der Bedarf geändert hat. Auch die Tochter weiß, dass sie sich melden kann, ebenso die Dienstleister.

Case Management ist nicht nur Entlassungsmanagement nach einem Spitalsaufenthalt. Auch wenn keine Erkrankung, kein Unfall geschieht, kann es zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes oder der Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen, kommen. Ursula Marte, die Case Managerin von Bregenz, weist auf die stark steigende Anzahl von älteren Menschen hin, die vereinsamen und/oder verwahrlosen. Wer und ob jemand in einem solchen Fall um Hilfe gebeten werden kann, ist meist unklar. Ein/e in der Gemeinde oder der Region bekannte/r Case Manager/in ist jedenfalls eine gute Möglichkeit der Kontaktaufnahme, die z.B. in Bregenz gut eingeführt ist.

Es gibt natürlich verschiedene Arten, wie Case Management aufgebaut sein kann. Je nach Modell ist die Case Managerin eine Verwaltungsbedienstete, die Fachwissen durch Zusammenarbeit mit Pflege und Arzt/Ärztin "zukauft" oder selbst eine DGKS. Es gibt Case Management, das bei einer Gemeinde angesiedelt ist oder bei einem Sprengel. Das Case Management garantiert so weit wie möglich, dass die Betreuung sich nach dem Bedarf der einzelnen Person richtet. Dadurch werden Mittel effizient eingesetzt, dadurch wird auch eine Familie unterstützt, die selbst pflegt. Das ist einer der Kernpunkte.

Im Zusammenspiel mit einem gut geplanten Care Management auf regionaler Ebene, also der Organisation und Koordination von Dienstleistungen, kann die bestmögliche Unterstützung älterer Menschen in einer Form sichergestellt werden, die die öffentlichen Haushalte weniger belastet, als dies derzeit der Fall ist.

Case Management sollte deshalb eine wesentliche Funktion in der Neukonzeption der Betreuung und Pflege für ältere Menschen in der Steiermark einnehmen. Zahlreiche Erfahrungen in anderen Bundesländern sollen herangezogen und ausgewertet werden. Gemeinsam mit den Dienstleistern, den Gemeinden, Sprengeln und Sozialhilfeverbänden ist ein Modell zu entwickeln, das einen einheitlichen Standard festschreibt und flächendeckend umgesetzt wird.

Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Die Landesregierung wird aufgefordert,
1. die Einführung von Case Management flächendeckend in die Wege zu leiten, um die bedarfsorientierte Betreuung und Pflege der Betroffenen sicherzustellen und pflegende Familien zu unterstützen, und
2. unter Einbindung der fachkundigen Dienstleister, der Gemeinden und ihrer Verbände und Case-Management-erfahrener Personen ein Modell für die Steiermark zu entwickeln.


Unterschrift(en):
Ingrid Lechner-Sonnek (Grüne), Lambert Schönleitner (Grüne), Sabine Jungwirth (Grüne)