LANDTAG STEIERMARK
XVI. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ 3422/2

Schriftlicher Bericht

Ausschuss: Gesundheit

Betreff:
Pflege zu Hause - Forderungen für die Zukunft


zu:


  • 3422/1, Pflege zu Hause - Forderungen für die Zukunft (Selbstständiger Antrag)


Der Ausschuss "Gesundheit" hat in seiner Sitzung vom 05.05.2015 über den oben angeführten Gegenstand die Beratungen durchgeführt.

Begründung:
Die Pflege und Betreuung von älteren Menschen ist heute keine Ausnahmeerscheinung, sondern steht schon seit Jahren im Zentrum der österreichischen Sozialpolitik. Ein hoher Anteil der älteren Menschen (ca. 90 %) wünscht sich, so lange wie möglich in den gewohnten vier Wänden bleiben zu können. Aus diesem Grund ist dies auch nach wie vor die häufigste Wohnform älterer Menschen. Österreichweit leben ca. 80 bis 85 % der pflegebedürftigen Personen zu Hause und werden von Familienangehörigen allein oder mit Unterstützung professioneller Dienste betreut.

Ein zufriedenstellendes Pflege- und Betreuungssystem unter Beachtung der demographischen Entwicklung aufzubauen, wird durch die unterschiedlichen Zuständigkeiten - v.a. für finanzielle Leistungen - von Bund, Ländern und Gemeinden erschwert. Ziel sollte deshalb eine gute gemeinsame Steuerung unter Bedachtnahme des Bedarfs und der regionalen Unterschiede sein.

Um dies bezogen auf die Landeskompetenz zu beleuchten, fand am 15. Oktober 2014 eine Landtagsenquete zum Thema "Pflege zu Hause - eine Herausforderung!" statt.  Es wurde mit Expertinnen und Experten, Betroffenen, aber auch mit Praktikerinnen und Praktikern aus den verschiedenen Bereichen diskutiert, aber auch informiert welche tagtäglichen Herausforderungen es im Pflegebereich für alle Beteiligten gibt.

Aufbauend auf einem umfassenden Bedarfs- und Entwicklungsplan für pflegebedürftige Personen mit dem Zeithorizont 2025 müssen die bestehenden Angebote und Einrichtungen quantifiziert und die Inanspruchnahme derselben mit aussagekräftigen und planungsrelevanten Parametern analysiert werden. Basierend auf diesen Datengrundlagen muss eine möglichst genaue Bedarfsprognose und ein darauf abgestimmtes Umsetzungskonzept auf Bezirksebene erstellt werden, sodass auf künftige Bedarfssituationen effizient und koordiniert reagiert werden kann.

Der Ausbau von mobilen und ambulanten Angeboten ist zu präferieren, weil so das Leben der Betroffenen in der gewohnten Umgebung unterstützt wird. Das würde auch dazu führen, dass die wesentlich kostenintensivere stationäre Versorgung jenen vorbehalten bleibt, die sie aus pflegerischen und medizinischen Gründen eher benötigen.

Für die gesamte abgestufte Versorgung ist mittels einer zentralen Planung und Steuerung für eine langfristige Finanzierung Sorge zu tragen, um allen Betroffenen Sicherheit zu bieten.
Dabei ist auf kundInnen-  und klientInnenorientierte Tarife für mobile Dienste zu achten. Ebenso ist der Aufbau eines flächendeckenden Case- and Caremanagements zur Beratung der Pflegebedürftigen und deren Angehörigen sowie eine verbesserte Koordination der Inanspruchnahme der passenden Leistungen sicherzustellen.

Pflegende Angehörige sind für die Pflegebedürftigen, die Gesellschaft und das bestehende System des Sozial- und Gesundheitswesens unverzichtbar.
Nicht nur pflegebedürftige Menschen, sondern auch deren pflegende Familien und Angehörige benötigen Unterstützung, Rückhalt und Ausgleich, denn sie nehmen große Belastungen auf sich und leisten gesellschaftspolitisch einen äußerst wertvollen Beitrag. Hier ist eine leistbare stundenweise Entlastung für pflegende Angehörige sicherzustellen.

Eine wesentliche Herausforderung für die Zukunft liegt darin, für ältere Menschen, die nicht mehr ganz selbstständig leben können, jedoch auch noch nicht die Rundumversorgung eines Pflegeheimes brauchen, alternative Wohnformen (wie betreutes Wohnen, Mehrgenerationenwohnen, Senioren-Wohngemeinschaften etc.) zu entwickeln.

Pflege und Betreuung sind eine persönliche Dienstleistung, die stark nachgefragt wird. Allerdings entschließen sich in Österreich zu wenige Menschen die Pflege- und Betreuungsberufe zu ergreifen. Erschwerend kommt hinzu, dass die durchschnittliche Verweildauer in diesem Berufsfeld sehr kurz ist (etwa 6 Jahre nach dem Diplom).

Die steigende Zahl der pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen benötigt auch mehr Pflege- und Betreuungsfachkräfte. Daher ist es unbedingt notwendig, mehr Menschen für diese Berufe zu gewinnen. Dazu müssen entsprechende Rahmenbedingungen - wie zB die Reduzierung der Belastungen im Pflege- und Betreuungsberuf - verbessert werden.
Der Pflegeberuf hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt und es werden vom Pflege- und Betreuungspersonal zusätzliche Qualifikationen und Kompetenzen (zB Kommunikation, Geriatrie etc.) verlangt. In den Lehrplänen und den Aus- und Weiterbildungsprogrammen wird dies bereits berücksichtigt, jedoch ist es für die Fach- und Betreuungskräfte immer schwieriger, das auch im Arbeitsalltag umzusetzen. Dies wiederum reduziert die Zufriedenheit aller. Die aktuellen Diskussionen über die neuen Berufsbilder bei der Pflege (inklusive der Akademisierung der Pflege) spiegeln dieses Spannungsverhältnis wider.

Alle Österreicherinnen und Österreicher benötigen ein langfristig verlässliches Finanzierungssystem, das steuer- oder beitragsfinanziert erfolgen kann, wobei eine weitere beitragsfinanzierte Versicherungslösung zu einer unerwünschten Steigerung der Lohnnebenkosten führen würde. Ein neues österreichweit einheitliches Finanzierungssystem wird spätestens ab 2019 in Kraft treten müssen!

Insgesamt gilt es die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Pflege und Betreuung für jene Steirerinnen und Steirer, die es brauchen, nachhaltig gewährleistet und finanzierbar ist.

Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Die Steiermärkische Landesregierung wird aufgefordert,

1. in der kommenden Regierungsarbeit im Bereich der "Pflege zu Hause" folgende Ergebnisse aus der Landtagsenquete zu berücksichtigen:
  • Versorgungsplanung durch einen umfassenden Bedarfs- und Entwicklungsplan
  • der Ausbau von mobilen und ambulanten Angeboten ist zur präferieren
  • kundInnen-  und klientInnenorientierte Tarife (leistbar) für mobile Dienste
  • Schaffung eines bürgerinnen- und bürgernahen flächendeckenden Case- and Caremanagements  zur Beratung der Pflegebedürftigen und der Entlastung der Angehörigen sowie für eine verbesserte Koordination der Inanspruchnahme der passenden Leistungen und Dienste in der Region
  • Verbesserung bzw. Ausbau von leistbaren Unterstützungsangeboten zur Entlastung von pflegenden Angehörigen (stundenweise, halbtags, ganztags, Nacht- und Wochenendbetreuung)
  • Ausbau der Tageszentren bzw. Aufbau von Tagesbetreuungsformen inklusive der Versorgung an Demenz erkrankter Personen
  • für ältere Menschen, die nicht mehr ganz selbstständig leben können, aber auch noch nicht die Rundumversorgung eines Pflegeheimes brauchen, alternative Wohnformen (wie betreubares oder betreutes Wohnen, Mehrgenerationenwohnen - günstiger Wohnraum für jene, die sich um die ältere Generation in der "Nachbarwohnung" kümmern, Senioren-Wohngemeinschaften etc.) zu entwickeln und die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen
  • Attraktivierung der Pflege- und Betreuungsberufe, indem der Personaleinsatz so gestaltet wird, dass neben Qualitätssicherung auch ein hoher Grad an Arbeitszufriedenheit der eingesetzten Pflege- und Betreuungskräfte besteht und

2. an die Bundesregierung heranzutreten und ein langfristig verlässliches Finanzierungssystem für den Bereich Pflege und Betreuung ab 2019 einzufordern.