LANDTAG STEIERMARK
XVI. GESETZGEBUNGSPERIODE



Um im internationalen Wirtschaftsleben wettbewerbsfähig zu bleiben, bedarf es bestens ausgebildeter Fachkräfte. In der Europäischen Union wird zunehmend erkannt, dass die Lehrausbildung dabei einen wesentlichen Beitrag leistet. Viele EU-Mitgliedsstaaten sehen die österreichische Lehrausbildung als nachahmenswertes "best-practice" Beispiel an.

Die Lehrausbildung in Österreich ist eine moderne Ausbildung, mit der eine vollständige Berufsausbildung erworben wird. Als duale Berufsausbildung bezeichnet, findet diese an zwei Lernorten, nämlich im Betrieb und in der Berufsschule statt. Die Art und Vielfältigkeit des österreichischen dualen Ausbildungssystems mit vergleichbar hohem Engagement von Unternehmen bzw. den Sozialpartnern findet sich nur in ganz wenigen Staaten.

In den vergangenen Jahren wurde die duale Berufsausbildung strukturell weiterentwickelt, u.a. durch eine neue Förderung von kostenlosen Vorbereitungskursen zur Lehrabschlussprüfung. Diese Förderung wurde 2013 eingeführt und wird mit heuer rund 9000 Förderfällen gut angenommen.

Während bei den Lehrabschlussprüfungen, die im übertragenen Wirkungsbereich der in den Wirtschaftskammern eingerichteten Lehrlingsstellen organisiert werden, für den erstmaligen Antritt eine Prüfungstaxe vom Lehrberechtigten zu entrichten ist, ist seit 2013 der Zweit- und Drittantritt kostenlos. Durch diese Kostenbefreiung wird - auch bei negativem erstmaligem Antreten - das Erlangen eines positiven Abschlusses unterstützt. In wirtschaftlichen Härtefällen kann überdies die Prüfungstaxe auf die Hälfte reduziert werden. Davon abgesehen erfolgen Zuzahlungen durch die jeweilige Wirtschaftskammer auch in jenen Fällen, in denen die für den erstmaligen Antritt bei der Lehrabschlussprüfung zu entrichtende Prüfungstaxe den mit der Prüfungsorganisation verbundenen Aufwand nicht zur Gänze abdeckt.

Beim Besuch einer lehrgangsmäßig geführten Berufsschule verpflichtet das Berufsausbildungsgesetz den Lehrberechtigten zum Ersatz der die Lehrlingsschädigung übersteigenden Kosten einer internatsmäßigen Unterbringung. Weiters sehen verschiedene Kollektivverträge eine gänzliche oder teilweise Übernahme auch der übrigen Internatskosten durch den Lehrberechtigten vor. Diese kollektivvertraglichen Regelungen bieten den Vorteil, auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Unternehmen eingehen zu können und sie entsprechend ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten auf Brancheebene einzubinden.

Zusätzlich findet sich in der dualen Ausbildung mit der Ausbildungsform "Lehre und Matura" ein spezielles Programm, das Lehrlingen parallel zur Lehre die Berufsmatura kostenfrei ermöglicht und diesen somit eine gute Allgemeinbildung garantiert, die fachliche Qualifikation aufwertet und dadurch die Berufs- und Karrierechancen erhöht.

Insgesamt bestehen im derzeitigen dualen Berufsausbildungssystem zahlreiche Instrumente, um sowohl die Lehrlinge als auch die Unternehmen bei der Lehrabschlussprüfung und bei der Prüfungsvorbereitung zu unterstützen. Im Rahmen der betrieblichen Lehrstellenförderung werden heuer 169 Mio. Euro für Unterstützungsmaßnahmen verwendet. Um dem Lehrstellenmangel entgegen zu wirken, der gerade auch demografisch bedingt ist, erscheint die Einsetzung einer/eines Landes-Lehrlingsbeauftragten  deshalb nicht als geeignetes Mittel - es wären vielmehr beträchtliche Zusatzkosten zu erwarten. 

Einen wichtigen Beitrag zum erfolgreichen System der dualen Ausbildung im Sinn der Berufsvorbereitung und Berufsorientierung leistet  die Schulart der Polytechnischen Schule. Durch ihre Offenheit für SchülerInnen mit unterschiedlichen Absichten, Interessen und auch Leistungsniveaus und die breite Streuung ihrer Standorte bildet sie eine wichtige Funktion im Österreichischen Bildungswesen. Allerdings gibt es derzeit verstärkt Probleme bei SchulabgängerInnen und Lehrlingen. Dies äußert sich vor allem darin, dass es  immer mehr SchulabgängerInnen gibt, die weder die nötigen Grundkompetenzen (Lesen, Schreiben, Rechen) noch die erforderlichen sozialen Fähigkeiten mitbringen. Für diese Jugendlichen wird es immer schwieriger, eine angemessene Berufswahl zu treffen. Informationsdefizite und ungenaue Kenntnisse über eigene Interessen und Fähigkeiten führen in der Folge oft zu Fehlentscheidungen und Fehlleitungen, mit der Konsequenz, dass eine große Anzahl von Lehrlingen ihre Ausbildung frühzeitig abbricht oder nach der Lehrabschlussprüfung den Beruf wechselt. Damit das Polytechnikum zukünftig besser auf diese Probleme eingehen kann, sollte es in gewissen Bereichen aufgewertet werden. Dies reicht von einer Schwerpunktsetzung auf Individualisierung und Differenzierung bei SchülerInnen, dem Ausbau von effizienten Unterstützungssystemen, der Stärkung einer bedarfsorientierten Zusammenarbeit der Institutionen, bis hin zu einer gemeinsamen Entwicklung von Lehreinstiegsstandards. Neben der Berufsvorbereitung in den Polytechnischen Schulen sollte dies schon in den vorangegangenen Schulstufen und auch in der Volksschule forciert werden. Da ein erfolgreicher Abschluss des Polytechnikums eine wesentliche Voraussetzung für die weitere Berufslaufbahn als Fachkraft darstellt, sollte geprüft werden, die Klasse bei negativem Abschlusszeugnis wiederholen zu müssen beziehungsweise auch eine Einführung eines optionalen weiterführenden 2. Schuljahres, in dem die SchülerInnen speziell für einen Abschluss vorbereitet werden.

Obwohl die ständig weiterentwickelte duale Berufsausbildung außerhalb von Österreich eine hohe Anerkennung findet, ist das Image der Lehre in Österreich nicht allzu positiv. Das hat auch damit zu tun, dass die vielfältigen Vorteile und Karrierechancen einer dualen Lehrausbildung vielen Menschen und vor allem den Jugendlichen nicht richtig bewusst sind. Dabei steht der Wirtschaftsstandort Österreich nicht nur wegen seiner IngenieurInnen oder HochschulabsolventInnen gut da, sondern auch wegen seiner sehr gut ausgebildeten Fachkräfte.

Das Wissen über die Chancen und Möglichkeiten einer dualen Ausbildung, die derzeit 215 erlernbare Lehrberufe beinhaltet - einige davon mit zusätzlichen Schwerpunkten oder die Ausbildungsform "Lehre und Matura"-, sollte im Bereich der Berufsinformation und der Berufsvorbereitung stärker forciert werden. Zur weiteren Verstärkung würde auch eine Aufwertung der polytechnischen Schule einen wichtigen Beitrag leisten.

Nicht nur aufgrund der steigenden Jugendarbeitslosigkeit und eines Fachkräftemangels ist es umso wichtiger, das im Ausland positive Image und die Vorteile der dualen Ausbildung für Eltern und Jugendliche in Österreich besser zu kommunizieren und zu präsentieren. Dazu sollte die Landesregierung unter Einbindung der Sozialpartner ein Informationspaket erstellen, das sowohl die Vorteile und Karrierechancen einer dualen Ausbildung, als auch deren ständige Weiterentwicklung aufzeigt um sowohl das Wissen darüber, aber auch ihr Image sowohl bei den Jugendlichen, als auch bei der ganzen Bevölkerung zu verbessern.

Die ständige Weiterentwicklung des dualen Ausbildungssystems sowie eine verbesserte Berufsorientierung und Berufsvorbereitung sind Investitionen in pädagogischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht. Dabei wird in die Zukunft unserer Jugendlichen und in deren Verankerung in unserer Gesellschaft investiert. Dank der Sicherstellung gut qualifizierter, hoch motivierter und bestens ausgebildeter Fachkräfte werden auch die Standortvorteile des Wirtschaftsstandortes Österreich abgesichert. 

Nachdem alle Aspekte des Themas "Lehre" in den Sitzungen des Unterausschusses vom 06.05.2014, 09.09.2014, 15.10.2014 sowie 28.04.2015 unter Einbeziehung von ExpertInnen der Interessensvertretungen ausführlich diskutiert und inhaltlich behandelt wurden, erscheint die Abhaltung einer eigenen Enquete derzeit nicht erforderlich.

Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

 
Die Steiermärkische Landesregierung wird ersucht, im Sinn der Begründung

1. unter Einbindung der Sozialpartner ein Informationspaket zu erarbeiten, das über die vielfältigen Vorteile, Karrierechancen und ständigen Weiterentwicklungen der dualen Berufsausbildung informiert und aufklärt, und darüber dem Landtag zu berichten.

2.  an die Bundesregierung mit dem Ersuchen heranzutreten,

a.  das Konzept der polytechnischen Schulen im Sinn einer verbesserten Berufsorientierung und Berufsvorbereitung neu zu bewerten und

b. die betriebliche Lehrstellenförderung einer Evaluierung u.a. mittels einer Unternehmens- und LehrabsolventInnenbefragung zu unterziehen und darüber der Landesregierung bzw. dem Landtag zu berichten.