LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 2432/1

Schriftliche Anfrage an ein Mitglied der Landesregierung (§ 66 GeoLT)

eingebracht am 08.08.2022, 19:00:33


Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Andreas Lackner (Grüne)
Fraktion(en): Grüne
Regierungsmitglied(er): Landesrätin Mag. Doris Kampus
Frist: 10.10.2022

Betreff:
Wie stellt das Land Steiermark ausreichende Ressourcen für die Kinder- und Jugendhilfe sicher?

Aus wenig erfreulichen Gründen rückt die Kinder- und Jugendhilfe in den Fokus der Öffentlichkeit: Wie auch aus anderen Bereichen wie dem Gesundheitswesen oder der Elementarpädagogik bereits bekannt wird nunmehr auch in der Sozialpädagogik und Sozialarbeit von einem massiven Personalmangel berichtet. Dieser führte dazu, dass in der Steiermark Kinderkrisenzentren schließen bzw. Aufnahmestopps verhängen mussten. Mitarbeiter:innen der behördlichen Sozialarbeit warnen vor einer Eskalation in der KJH. Der Dachverband der Kinderhilfeeinrichtungen Steiermark sah sich aus diesem Grund dazu veranlasst, die Kinderhilfe als gefährdet zu melden (siehe: Enormer Personalmangel bei Kinder- und Jugendhilfe - steiermark.ORF.at).

Zwar sind der Personalmangel und die damit fehlenden Unterbringungsmöglichkeiten in Kriseneinrichtungen kein rein steirisches Phänomen (siehe: Personalmangel bei Jugendhilfe immer dramatischer - salzburg.ORF.at). Während im Land Salzburg, welches ebenfalls von fehlendem Personal betroffen ist, jedoch bereits konkrete Maßnahmen wie die höhere Einstufung von Sozialarbeiter:innen im Kollektivvertrag, attraktivere Regelungen bei Nachtdiensten oder das leichtere Einsetzen von Personal, das die Qualifikation noch nicht abgeschlossen hat, angekündigt wurden, wurde seitens des Landes Steiermark bis dato lediglich mitgeteilt, den internen Personaleinsatz zu optimieren und ein Schwerpunktthema beim Sozialtag des Landes und eine Imagekampagne zu planen. Die Zielgruppe bei einem solchen Sozialtag ist allerdings fragwürdig – werden dies doch vor allem Personen sein, die bereits in der Branche sind. Außerdem befänden sich zahlreiche Maßnahmen in Umsetzung und Planung, ohne jedoch darzulegen, welche konkreten Schritte geplant sind (siehe: Personalmangel: Für Kinder in Not gibt es in der Steiermark nicht immer einen Platz | Kleine Zeitung).

Die Gründe für den akuten Mangel an Personal sind lange bekannt und mannigfaltig. Ausschlaggebend für Aufnahmestopps und Schließungen sind laut Praktiker:innen jedoch insbesondere zwei Punkte: Zum einen seien die Anforderungen für das Personal, festgelegt in der Steiermärkischen Kinder- und Jugendhilfegesetz-Durchführungsverordnung, zu eng gefasst; Zum anderen sei die derzeit bestehende Tagsatzfinanzierung und damit einhergehend der weitaus zu geringe Personalschlüssel der Einrichtungen nicht zeitgemäß.

Bereits im Jahr 2016 wurde eine Kriseneinrichtung in Fürstenfeld aufgrund fehlender Auslastung geschlossen. Der Leiter des Sozialreferats der BH Hartberg-Fürstenfeld, Bernd Holzer, führt dies jedoch weniger auf die fehlende Auslastung, als vielmehr auf besagtes Finanzierungsmodell zurück (siehe: Standard Kompakt, Krisenzentren in der Auslastungsfalle, 27.07.2022). Seit Jahren werden die zu geringen Personalschlüssel insbesondere jene der Kinder- und JugendWGs kritisiert. Pro Kind gibt es 0,531 Personal. Bei einer Wohngruppe mit 13 Kindern sind das knapp sieben Vollzeitäquivalente. Rechnet man die Urlaube und Krankenstände, Einzelbetreuungen etc. dazu, können Doppelbesetzungen in den Wohngruppen nur selten erfolgen. In der Praxis bedeutet dies, dass Mitarbeiter:innen oft mit 13 Kindern alleine sind. Ganz abgesehen von der klassischen Betreuung ist eine adäquate fachliche Begleitung von Traumatisierung betroffenen Kindern mit diesem Personalschlüssel beinahe ausgeschlossen. Dies führt wiederum dazu, dass Mitarbeiter:innen sich um andere Jobs zu bemühen.

Doch nicht nur die Trägerorganisationen der Kinder- und Jugendhilfe kämpfen mit den vorherrschenden Bedingungen, auch die Sozialarbeiter:innen des Landes klagen über fehlende Ressourcen, die sich massiv auf die tägliche Arbeit niederschlagen. So ist einem Erfahrungsbericht einer in der Steiermark für die Kinder- und Jugendhilfe tätigen Sozialarbeiterin zu entnehmen, dass freie Stellen lange nicht nachbesetzt werden, die Ausstattung veraltet sei und es kein einheitliches Dokumentationssystem gebe. Dies alles führe dazu, dass Sozialarbeiter:innen täglich abwägen müssen, welche Fälle intensiver behandelt würden und diese statt 15 bis 20 bis zu 50 Fälle betreuen müssten (siehe: Sozialarbeiterin über wachsende Belastung: "Ich schaffe es nicht mehr" - Gesellschaft - derStandard.at › Panorama). Laut Barbara Pitner, Leiterin der Abteilung Soziales, Arbeit und Integration des Landes Steiermark, seien derzeit 162 von 171 Vollzeitäquivalenten besetzt. Hinzuzufügen ist, dass die Pandemie zu großen psychosozialen Herausforderungen bei den Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien geführt hat und der Bedarf an Sozialarbeiter:innen stetig steigt. Auch hier fehlen Bedarfspläne und ein rasches Reagieren auf sich verändernde soziale Herausforderungen.

Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass die beschriebenen Problemstellungen für Personen aus der Praxis nicht allein auf die Covid-Pandemie zurückzuführen, sondern die Verschlechterung das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung ist. Vor diesem Hintergrund ist fraglich, wie die in § 2 des StKJHG definierten Ziele der Kinder- und Jugendhilfe ausreichend verfolgt werden können und eine weitere Zuspitzung im System der Kinder- und Jugendhilfe vermieden werden kann.


Es wird daher folgende

Schriftliche Anfrage

gestellt:

1. Wie viele Dienstposten sind in der Sozialarbeit der Kinder- und Jugendhilfe des Landes Steiermark aktuell unbesetzt (bitte um Aufschlüsselung nach den Bezirkshauptmannschaften)?

2. Wie lange dauert es aktuell durchschnittlich, bis ein freier Dienstposten in der Sozialarbeit der Kinder- und Jugendhilfe nachbesetzt werden kann?

3. Welche konkreten Maßnahmen sind geplant, um dem Personalmangel in der Sozialarbeit der Kinder- und Jugendhilfe entgegenzutreten?

4. Beinhalten die geplanten Maßnahmen auch Verbesserungen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen wie bessere Einstiegsgehälter, Gehaltserhöhungen, flexiblere Arbeitszeitmodelle, volle Anrechnung von Vordienstjahren, Erhöhung der Personalschlüssel, etc.?

a) Wenn nein, warum nicht?

5. Bis wann soll ein einheitliches Dokumentationssystem in der Kinder- und Jugendhilfe implementiert werden?

6. Welche weiteren Maßnahmen planen Sie, um den bürokratischen Aufwand für Sozialarbeiter:innen in der Kinder- und Jugendhilfe so gering wie möglich zu halten?

7. In welcher Form findet in der Kinder- und Jugendhilfe des Landes Steiermark eine Bedarfsplanung statt?

8. Sollte es keine konkrete Bedarfsplanung geben: Aus welchen Gründen wird davon abgesehen?

9. Mit welchen konkreten Maßnahmen will das Land Steiermark in der Zukunft gewährleisten, dass genug Plätze in Kriseneinrichtungen für Kinder und Jugendliche in der Steiermark vorhanden sind und Einrichtungen weder schließen noch einen Aufnahmestopp verhängen müssen?

10. Ist es in diesem Zusammenhang angedacht, bei Kriseneinrichtungen von einem Tagsatz-Modell abzurücken und entsprechende Einrichtungen mittels Basisfinanzierung abzusichern?

a) Wenn nein, warum nicht?

11. Ist es geplant die Leistungsbeschreibungen, insbesondere den Personalbedarf bzw. die notwendigen Qualifikationen für die unterschiedlichen Leistungsangebote, der StKJHG-DVO zu überarbeiten?

a) Wenn ja, welche konkreten Änderungen sind geplant, um dem Personalengpass entgegenzutreten?

12. Wie viele sozialpädagogische Einrichtungen gab bzw. gibt es in der Steiermark in den Jahren 2020, 2021 und 2022 und wie waren bzw. sind diese ausgelastet?

13. Wie viele Plätze stehen in Kriseneinrichtungen in der Steiermark für Kinder- und Jugendliche aktuell zur Verfügung?

14. Wie viele dauerhafte Pflegeeltern und andere familienpädagogische Pflegeelternsettings (Krisenpflegeeltern, familienbegleitende Pflegefamilien, etc.) stehen in der Steiermark aktuell zur Verfügung (mit der Bitte um Vergleichszahlen für die Jahre 2020 und 2021)?

15. Gibt es im Ressort Überlegungen, das Modell der sozialpädagogischen Pflegeeltern und eine entsprechende Bezahlung aller Pflegeeltern zu implementieren?

16. Kann der Bedarf an Pflegeeltern in allen steirischen Bezirken aktuell zeitnah gedeckt werden?

a) Wenn nein, welche Maßnahmen planen Sie, um das Berufsbild zu attraktivieren und so den Bedarf so rasch wie möglich zu decken?


Unterschrift(en):
LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Andreas Lackner (Grüne)