LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 2538/1

Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT)

eingebracht am 23.09.2022, 09:33:36


Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Nikolaus Swatek, BSc (NEOS), LTAbg. Robert Reif (NEOS)
Fraktion(en): NEOS
Zuständiger Ausschuss: Bildung, Gesellschaft und Gesundheit
Regierungsmitglied(er): Landesrat Werner Amon, MBA

Betreff:
Rettet den Kindergarten! 5 konkrete Maßnahmen, um die steirische Kindergarten- und Kinderkrippenkrise wirksam zu bekämpfen

Seit Jahren ist ein Mangel an qualifiziert ausgebildeten pädagogischen Fachkräften im Bereich der Elementarbildung bekannt. Seit Jahren fordern Expertinnen und Experten im Bereich der Elementarbildung kleinere Gruppengrößen sowie eine bessere Bezahlung. Dafür gingen beherzte Pädagog:innen und Betreuer:innen bereits letztes Jahr auf die Straße.

Diese Kindergarten- und Kinderkrippenkrise hat sich schon über Jahre abgezeichnet, doch die Landesregierung hat es 1.000 Tage lang verabsäumt, die Bedingungen nachhaltig zu verbessern. Im kürzlich präsentierten Elementarpädagogikpaket wurde zwar ein Neueinsteigerbonus präsentiert - die Situation für die derzeit aktiven Pädagog:innen und Betreuer:innen verbessert sich im kommenden Kindergartenjahr jedoch keineswegs.

Das Resultat: viele Eltern wurden erst jetzt darüber informiert, dass ihre Kinderbetreuungsplätze nur kürzer oder gar nicht zur Verfügung stehen. Die Eltern müssen nun kurzfristig und händeringend nach Alternativen suchen. Meist bedeutet das eine Reduktion der Arbeitsstunden oder gar die Kündigung des Jobs und damit geringere Einkünfte. Was gerade in Zeiten der Teuerung für viele Familien katastrophal ist. Die Eltern und das Personal werden von der Landesregierung im Regen stehen gelassen. Es braucht einen Schutzschirm mit Sofortmaßnahmen, um die beste Kinderkrippe und den besten Kindergarten in der Steiermark sicherzustellen. Beim von NEOS einberufen Sonderlandtag äußerte Landesrat Amon zwar seine Hoffnung, dass jedes Kind in der Steiermark einen Kindergarten oder Kinderkrippenplatz bekommt. Ob dieser Zustand erreicht werden kann, sei ihm als Landesrat jedoch nicht bekannt. Was es jetzt braucht, ist ein Attraktivierungspaket, das die Bedingungen der elementaren Bildung nachhaltig verbessert. Nur damit kann sichergestellt werden, dass möglichst viele Menschen sich für die Ausübung dieses wichtigen Berufs entscheiden und die Kinderbildung und Kinderbetreuung in der Steiermark somit langfristig gesichert ist.

Um die Situation zu verbessern, muss die Landesregierung jetzt fünf Punkte umsetzen.

1. Es braucht eine Vollzeitoffensive

Das Problem der Teilzeitanstellung muss jetzt gelöst werden. 60% des Personals in der Elementarpädagogik arbeiten nicht Vollzeit. Und das, obwohl viele den Wunsch nach einem entsprechenden Anstellungsverhältnis haben. Wie lange eine Kinderkrippe oder ein Kindergarten geöffnet hat, hängt nicht zuletzt auch vom Anstellungsausmaß der Pädagog:innen und Betreuer:innen ab. Gibt es aber nur eine Halbtagesbetreuung vor Ort, müssen Eltern, mehrheitlich Frauen, oftmals auch in Teilzeit arbeiten oder generell ihren Beruf aufgeben. Die steirische Familienstudie zeigt auf, dass 6 von 10 steirischen Familien darüber klagen, dass Vollzeitarbeit und Kinderbetreuung nicht vereinbar sind (https://www.news.steiermark.at/cms/beitrag/12874766/154271055/).

Die Landesregierung soll an Elementarpädagog:innen und Betreuer:innen herantreten und ihnen Vollzeitstellen anbieten. Zukünftige Stellen werden vermehrt als Vollzeitstellen ausgeschrieben. Das Land übernimmt die Kosten für das erhöhte Stundenausmaß. Sollte am jeweiligen Standort der Pädagog:innen oder Betreuer:innen kein Bedarf mehr bestehen, können sie an einem anderen Standort eingesetzt werden. Dafür erhalten sie einen Gehaltszuschuss sowie einen Fahrtkostenersatz.

2. Faire Bezahlung für Pädagog:innen und Betreuer:innen

Die Steiermark befindet sich am abgeschlagenen letzten Platz. Nirgendwo sonst sind die Gehälter und die Anerkennung der bei öffentlichen Trägern angestellten Pädagog:innen so gering wie in der Steiermark. Deshalb braucht es jetzt eine Anhebung der Gehälter. Während Berufseinsteiger:innen im Burgenland 2.835 Euro erhalten, bekommen sie in der Steiermark nur 2.096 Euro. Es braucht hier endlich eine Erhöhung der Bezahlung, um möglichst viele Elementarpädagog:innen in der Steiermark zu halten bzw. sie in unser Bundesland zu bringen. Außerdem werden bei einem Wechsel des Trägers Vordienstzeiten nicht adäquat angerechnet, was zu noch niedrigeren Gehältern führt. Diese Anrechenbarkeit muss endlich entsprechend vereinheitlicht werden.

3. Die Rahmenbedingungen müssen jetzt verbessert werden

Viele Elementarpädagog:innen und Betreuer:innen werden von der Bürokratie tagtäglich erschlagen. Statt die Talente unserer Kinder zu fördern, müssen unzählige Formulare ausgefüllt werden. Allein die Dokumentation der Anwesenheit mit minutiöser Protokollierung der Uhrzeiten ist meist überbordend. Dass im 21. Jahrhundert größtenteils noch mit Zettel und Stift dokumentiert wird und digitale Lösungen im Kindergarten weiter auf sich warten lassen, ist ein Armutszeugnis der steirischen Kinderbildung. Für das wirklich wichtige - unsere Kinder - bleibt somit kaum noch Zeit.

Bereits vor der Corona-Pandemie waren die Aufgaben der Elementarpädagog:innen und Betreuer:innen in vielen Situationen belastend. Trotzdem erhalten sie meist keine Unterstützung, um mit psychisch belastenden Situationen umzugehen. Wollen sie jedoch eine entsprechende Beratung und Unterstützung, müssen sie sich diese größtenteils selbst organisieren und bezahlen.

Die Landesregierung muss sofort die Streichung sinnloser Vorschriften veranlassen. Mittels einer Digitalisierungsoffensive wird der Berufsalltag für Pädagog:innen und Betreuer:innen erleichtert. Das Land muss Elementarpädagog:innen und Betreuer:innen endlich auf allen Ebenen unterstützen und für ein flächendeckendes Beratungsangebot sorgen.

4. Es braucht eine echte Zukunftsperspektive für Pädagog:innen, Betreuer:innen, Eltern und Kindern

In steirischen Kindergärten ist ein:e Elementarpädagog:in für die Entfaltung von 25 Kindern verantwortlich. Damit ist unser Bundesland meilenweit vom OECD Schnitt (14 Kinder) und Musterschülern wie Schweden (7 Kinder) entfernt. Die von der Regierung kürzlich präsentierte Aussicht auf eine Gruppenreduktion auf 20 Kinder bis 2028 ist viel zu mutlos und zu langsam. Bis dorthin verlassen weiterhin zahlreiche Elementarpädagog:innen und Betreuer:innen ihren Beruf.

Es ist jedoch eine viel schnellere und deutlichere Reduktion der Gruppengrößen in den Kindergärten notwendig. Pädagog:innen, Betreuer:innen, Eltern und Kinder verdienen sich eine echte Zukunftsperspektive.

5. Den Betroffenen muss jetzt eine Stimme gegeben werden

Immer noch werden keine Gründe erhoben, warum Pädagog:innen und Betreuer:innen den Beruf verlassen. Ebensowenig werden Daten erhoben, weshalb Absolvent:innen der BAfEPs zwar die Ausbildung absolvieren, sich aber dann gegen die Ausübung des Berufs entscheiden. Es braucht strukturierte Umfragen unter Personen, die aus dem Beruf ausscheiden oder sich trotz abgeschlossener Ausbildung gegen die Ausübung desselben entscheiden. Nur so können die richtigen Schlüsse gezogen werden und die Landesregierung endlich gezielt gegensteuern.


Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Die Landesregierung wird aufgefordert, ein Maßnahmen- und Finanzierungspaket zur Verbesserung der elementaren Bildung in der Steiermark vorzulegen, welches zumindest folgende Punkte umfasst:

  1. Eine Vollzeitoffensive, die Träger dabei unterstützt, mehr Vollzeitstellen auszuschreiben.
  2. Eine bessere Entlohnung innerhalb der elementaren Bildungseinrichtungen sowohl bei öffentlichen als auch bei privaten Trägern.
  3. Eine Verbesserung der Rahmenbedingungen inklusive einer Digitalisierungsoffensive sowie der Etablierung eines kostenlosen Supervisionsangebots.
  4. Ein Stufenplan zur Reduzierung der Gruppengröße mit dem Ziel, die Gruppen bis 2025 von 25 auf 20 zu reduzieren sowie eine weitere Verkleinerung der Gruppengröße bis 2030.
  5. Eine regelmäßige Befragung zu starten, um herauszufinden, warum Elementarpädagog:innen und Betreuer:innen aus dem Beruf ausscheiden sowie die Gründe zu erheben, warum sich steirische BAfEP Schüler:innen sowie ehemalige Absolvent:innen für oder gegen die Ausübung des Berufs der Elementarpädagog:innen entschieden haben.

Unterschrift(en):
LTAbg. Nikolaus Swatek, BSc (NEOS), LTAbg. Robert Reif (NEOS)