LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 1478/1

Regierungsvorlage

eingebracht am 17.06.2021, 12:44:19


Geschäftszahl(en): ABT13-303628/2020-6
Zuständiger Ausschuss: Klimaschutz
Regierungsmitglied(er): Landesrätin Mag. Ursula Lackner
Beilagen: Entwurf Entschädigungsvereinbarung Wildnisgebiet, Entwurf Kooperationsvereinbarung Wildnisgebiet

Betreff:
Wildnisgebiet Lassingbachtal samt Einhänge zur Salza, Entschädigungs- und Kooperationsvereinbarung

Mit Regierungsbeschluss vom 25.03.2021 wurde der Abschluss der Verhandlungen mit der Österreichischen Bundesforste AG (ÖBf AG) wegen der Nutzungseinschränkungen sowie der ÖBf AG und der Wildnisschutzgebietsverwaltung Dürrenstein zum Gebietsmanagement zwecks Ausweisung des Wildnisgebietes Lassingbachtal samt Einhänge zur Salza zustimmend zur Kenntnis genommen.

Im Sinne der Verhandlungsergebnisse wurde die Verordnung für das Naturschutzgebiet Nr. II „Wildalpener Salzatal“ geändert. Innerhalb des Naturschutzgebietes wird ein in den Gemeinden Landl und Wildalpen gelegener Gebietsteil als Wildnisgebiet ausgewiesen. Die Entschädigungs- und Kooperationsvereinbarung werden verbindlich.

In der Steiermark gibt es unterschiedlichste Schutzgebietskategorien, die durch das Steiermärkische Naturschutzgesetz 2017 und weitere nationale und internationale Vorgaben bestimmt sind.

Die IUCN (International Union for Conservation of Nature) führt als internationale Institution mit Niederlassungen in 62 Staaten Klassifizierungen von Schutzgebieten unter Berücksichtigung der jeweiligen Schutzziele und der Managementaufgaben durch. Einige Kategorien der ursprünglich wertungsfreien Klassifizierungen werden mittlerweile als wertvolle Prädikate verstanden, insbesondere die „Kategorie I Wildnisgebiet“ und die „Kategorie II Nationalpark“.

Der umfassendste Schutzgebietstypus ist die IUCN-Kategorie I, die ein strenges Naturgebiet/Wildnisgebiet bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein Schutzgebiet, das hauptsächlich zum Zwecke des Schutzes der Wildnis und der Forschung verwaltet wird und das gewährleistet, dass die Natur in diesen Bereichen ohne menschliche Einwirkungen bzw. nur mit den absolut notwendigsten Eingriffen unberührt bleibt.

Wildnisgebiete gewinnen nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Klimawandels an Bedeutung. Sie bieten ungestörte Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten und spielen auch als CO2-Senken eine wichtige Rolle im Klimaschutz. Auch die österreichische Bundesregierung bekennt sich im aktuellen Regierungsprogramm ausdrücklich zur Schaffung von Wildnisgebieten.

Derzeit sind lediglich 0,12 % der Staatsfläche Österreichs als Wildnisgebiet ausgewiesen. Rechnet man auch die Kernzonen von Nationalparks und Biosphärenparks mit ein, die ähnliche Voraussetzungen aufweisen, sind es rund 2 Prozent.

Eines von derzeit zwei österreichischen Wildnisgebieten ist das Wildnisgebiet Dürrenstein mit dem Urwald Rothwald. Dieser liegt in Niederösterreich nahe der steirischen Grenze und ist der größte Urwaldrest Mitteleuropas. Im Umfeld des Urwaldes befinden sich großteils sehr naturnahe, alte, meist von Buchen geprägte Wälder. Diese Wälder wurden zusammen mit dem Urwald von der niederösterreichischen Landesregierung 2002 als Natur­schutz­gebiet ausgewiesen. Dieses wurde 2003 von der IUCN als Wildnisgebiet (Schutzgebiet der Kategorie I) anerkannt. Nach einer Erweiterung 2013 umfasst dieses Wildnisgebiet nun 3.500 Hektar und grenzt zwischen Ringkogel und Hochkirch auf einer Länge von über 5 Kilometern direkt an die Steiermark an. Seit dem Jahr 2017 ist das Wildnisgebiet Dürrenstein zusammen mit dem Nationalpark Kalkalpen Teil des UNESCO Weltnaturerbes Buchenwälder (https://www.weltnaturerbe-buchenwaelder.at/).

Die Buchen-Mischwälder setzen sich in vergleichbarer naturräumlicher Qualität auf der steirischen Seite der Landesgrenze fort. Insbesondere zwischen Hochkar und Lassingbach sind diese alten, strukturreichen Wälder großflächig ausgebildet und weitgehend unzerschnitten.

Diese steirischen Waldbestände sind aus mehreren Gründen von herausragender naturschutzfachlicher Bedeutung:

  1. Auf Urwälder spezialisierte Arten (wie z.B. der Zottenbock, eine Käferart) haben oft ein sehr beschränktes Ausbreitungs­potential. Das heißt, ihr Überleben an einem bestimmten Standort hängt davon ab, dass die benötigte Lebensraumausstattung, z.B. Alt- und Totholz in aus­reichender Menge und Qualität, kontinuierlich im direkten Umfeld vorhanden ist. Diese Arten verloren im Großteil des Landes durch die historischen großräumigen Abholzungen bereits vor Jahrhunderten ihren Lebensraum und können neu entstehende Flächen mit geeigneten Bedingungen nur über sehr kurze Distanzen wieder besiedeln. Durch den unmittelbaren Kontakt des geplanten steirischen Wildnisgebiets über das Wildnisgebiet Dürrenstein mit dem Urwald Rothwald und die räumliche Nähe zum steirischen Urwaldrest „Zellerbrunn – Hohes Marcheck“ (Naturschutzgebiet mit knapp 50 Hektar in einer Entfernung von ca. 6 Kilometern) bietet sich die in Mitteleuropa einmalige Chance, ein Wildnisgebiet zu schaffen, das auf den Arten- und Genpool eines seit der Eiszeit bestehenden Urwaldes zugreifen kann.

  2. Für die Bereitstellung der vollständigen Lebensraumvielfalt benötigen Wildnis­gebiete eine sehr große Fläche. Nicht nur die verschiedenen Altersstufen des Waldes, sondern auch die unterschiedlichen Himmelsrichtungen, das Nährstoff- und Wasserangebot bieten jeweils unterschiedlichen Arten geeignete Lebensbedingungen. Die IUCN empfiehlt als Untergrenze für Wildnisgebiete daher eine Größe von 10.000 Hektar. Das Wildnisgebiet Dürrenstein wurde aufgrund der besonderen naturräumlichen Situation mit dem Urwald Rothwald trotz der geringen Größe von der IUCN anerkannt. Da das Lassingtal an das bestehende Wildnisgebiet angrenzt und ebenso eine besondere naturräumliche Situation aufweist, besteht die Möglichkeit, auch mit einer verhältnis­mäßig „kleinen“ Fläche die Anerkennung als IUCN Kategorie I zu bekommen.

  3. Mobilere Urwald-Indikatorarten wie der Weißrückenspecht bzw. an Totholz gebundene Arten wie der Alpenbock-Käfer benötigen für das Überleben ein Netzwerk großer, miteinander verbundener Flächen. Die Nationalparks Kalkalpen (OÖ) und Gesäuse sowie das Wildnisgebiet Dürrenstein verfolgen mit dem Projekt „Netzwerk Naturwald“ das Ziel, einen Biotopverbund für diese Arten zu schaffen. Die Wälder im Lassingtal bilden einen sehr wesentlichen Korridor zu den nächsten Trittsteinen im Westen.

  4. Der Lassingbach zählt aufgrund seiner naturnahen Laufentwicklung, des Geschiebehaushaltes und der begleitenden Auwaldtypen nicht nur zu den schönsten, sondern auch zu den naturschutzfachlich bemerkenswertesten Fließgewässern der Steiermark. Hier kommen zum Beispiel der Föhren-Trockenauwald vor, der großflächiger sonst nur noch an den großen alpinen Wildflüssen wie dem Lech bekannt ist.

Aus den dargelegten Gründen wurde daran gearbeitet, auch in der Steiermark ein Wildnisgebiet zu errichten, das gemeinsam mit dem bestehenden Wildnisgebiet in Niederösterreich ein durchgehendes Areal bilden soll. Dadurch soll ein insgesamt fast 7000 Hektar großes durchgängiges Wildnisgebiet entstehen, dass einen österreichweit einzigartigen, nachhaltigen Beitrag zum Klima-, Natur- und Artenschutz leisten kann.

Das beabsichtigte Wildnisgebiet erstreckt sich auf steirischer Seite auf einer Fläche von ca. 3500 Hektar in den Gemeinden Wildalpen und Landl und gliedert sich in eine Natur- und Managementzone.

Die Naturzone umfasst insbesondere naturnahe Wälder, Fließgewässer, offene Felsbildungen und andere waldfreie Biotope, in denen der Schutz der Dynamik der Lebensräume und -gemeinschaften grundsätzlich gewährleistet ist. Auf diesen Flächen soll sich die Natur weitestgehend ungelenkt und ungenutzt entwickeln können. Forstwirtschaftlich geprägte Flächen der Naturzone sollen mittelfristig durch gezielte Maßnahmen so entwickelt werden, dass sie anschließend der ungestörten natürlichen Entwicklung überlassen werden können.

Die Managementzone umfasst Flächen, die zum Schutz von bestehenden Infrastruktureinrichtungen und menschlichen Objekten und zum Zwecke des Biotop- und Artenschutzes durch möglichst naturnahe Bewirtschaftung und Pflege erhalten bleiben sollen. Bestehende Einforstungsrechte bleiben unberührt.

Vor diesem Hintergrund liefen seit 2015 Verhandlungen mit der Österreichischen Bundesforste AG und privaten Sponsoren, um in der Steiermark ein direkt an das niederösterreichische Schutzgebiet angrenzendes Wildnisgebiet zu errichten. Die lange Verhandlungsdauer ergab sich aus den umfangreichen Voraussetzungen für ein solches Schutzgebiet sowie aus der Erfordernis, dass der bestehende Urwald für alle Beteiligten unter organisatorisch, budgetär und strukturell planbaren Bedingungen für möglichst lange Zeiträume errichtet und so für die Natur möglichst dauerhaft erhalten werden kann.

Darüber hinaus wurden in der Vorbereitung zur Errichtung des Wildnisgebietes die GemeindevertreterInnen, die Bürgerinnen und Bürger der betroffenen Gemeinden Landl und Wildalpen miteinbezogen (Informationsfolder, BürgerInneninformationsveranstaltung, Begehungen), um die Chancen und Perspektiven für eine gute Regionalentwicklung bestmöglich zu berücksichtigen. Jene Personen, die durch die Errichtung des Wildnisgebietes besonders betroffen sind, wie Grundstückseigentümerinnen und Grundstückseigentümer oder Servitutsberechtigte, wurden durch die Bundesforste und den amtlichen Naturschutz zusätzlich persönlich kontaktiert.

Die Verhandlungen sind nun abgeschlossen. Bei den gegenständlichen Verträgen handelt es sich um die Entschädigungsvereinbarung mit der Österreichischen Bundesforste AG als Grundstückseigentümerin sowie um die Vereinbarung über die geplante öffentlich-öffentliche Kooperation hinsichtlich des Gebietsmanagements mit der Österreichischen Bundesforste AG und der Schutzgebietsverwaltung Wildnisgebiet Dürrenstein.

Die hoheitsrechtliche Basis für beide Vereinbarungen bildet der Beschluss der Steiermärkischen Landesregierung vom 17.06.2021 betreffend die Verordnung für das Naturschutzgebiet Nr. II „Wildalpener Salzatal“ über eine Ausweisung des Wildnisgebietes.

Da die vertraglichen Vereinbarungen mit der Grundstückseigentümerin und den KooperationspartnerInnen der öffentlich-öffentlichen Kooperation für das Land Steiermark langfristig budgetbindend sind, werden die fertig ausverhandelten Vertragsentwürfe dem Landtag Steiermark zur Kenntnisnahme vorgelegt.

 

Beschluss der Steiermärkischen Landesregierung vom 17. Juni 2021.


Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Die Entschädigungs- und der Kooperationsvereinbarungen betreffend Wildnisgebiet Lassingbachtal samt Einhänge zur Salza werden zur Kenntnis genommen.