LANDTAG STEIERMARK
XVII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 479/1

Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT)

eingebracht am 15.12.2015, 16:40:23


Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Ing. Sabine Jungwirth (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne)
Fraktion(en): Grüne
Zuständiger Ausschuss: Bildung
Regierungsmitglied(er): Landesrätin Mag. Ursula Lackner

Betreff:
Recht auf leistbaren Bildungserfolg
In Österreich bestehen große Unterschiede im Schulerfolg zwischen SchülerInnen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien und Kindern höherer Bildungsschichten. Das derzeitige Schulsystem ist ein System der frühen Auslese. Die soziale Herkunft entscheidet überaus stark den weiteren Bildungs- und Lebensweg. Eine unzureichende (Aus)Bildung ist oftmals eine wichtige Dimension, die zu Armut führen kann bzw. bestehende Armut verfestigt. Das Bildungssystem muss daher Benachteiligungen unterer sozialer Schichten ausgleichen. Leider schneidet Österreich aber im internationalen Vergleich in der sozialen Mobilität „nach oben“ sehr schlecht ab. Dies zeigt sich immer wieder in vergleichenden Studien wie z.B. der „PISA-Studie“ oder der „Thematic Review on Migrant Education“ oder „Equity and Education“.

Die Schule braucht vor allem ausreichende zeitliche und personelle Ressourcen, um Bildungsdefizite aus dem Elternhaus auszugleichen und damit die Chancengleichheit für Kinder sozial benachteiligter Familien zu verbessern. Das bedeutet, dass Schule den ganzen Tag über stattfinden soll, Förderangebote in der Schule bereitgestellt werden und SozialarbeiterInnen und FörderlehrerInnen bereitstehen, um Kinder und Jugendliche zu unterstützen und zu begleiten.

Aufgrund der ideologischen Festgefahrenheit in der Bundesregierung herrscht in Österreich jedoch bildungspolitischer Stillstand. Die notwendige Schulreform wird weiterhin nicht angegangen, Leidtragende sind Österreichs SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen.

Im derzeitigen System ist es leider so, dass viele SchülerInnen auf Nachhilfe angewiesen sind. Im Schnitt - so hat die Arbeiterkammer 2013 vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut IFES erheben lassen - zahlten betroffene Familien für Nachhilfe mehr als 600 Euro im Jahr. Hochgerechnet von den Angaben der 2901 befragten Eltern werden im Jahr in Summe gut 118 Millionen Euro für Nachhilfestunden gezahlt. Rund die Hälfte der befragten Eltern fühlt sich jedenfalls finanziell durch die Ausgaben für Nachhilfe "sehr stark" oder zumindest "spürbar" belastet. Es treffe besonders die sozial und finanziell schwächer gestellten Haushalte, sofern bezahlte Nachhilfe überhaupt leistbar ist, heißt es in der AK.

Eine erfolgreiche Schulbildung darf aber nicht von den finanziellen Ressourcen und dem Bildungsgrad der Eltern abhängig sein. Neben den finanziellen Ressourcen spielen auch soziale und räumliche Aspekte eine große Rolle für den Schulerfolg der Kinder- und Jugendlichen. In äußerst beengten Verhältnissen und überbelegten Wohnungen ist es für Kinder und Jugendliche schwierig, sich auf Aufgaben zu fokussieren. Nicht zu unterschätzen ist auch das innerfamiliäre Konfliktpotential, welches Misserfolg in der Schule, finanzieller Druck, aber auch das Lernen der Eltern mit den Kindern auslösen kann. Es ist verantwortungslos, Kinder und Jugendliche sich selbst zu überlassen.

In Wien wurden bereits erste Schritte gesetzt, um das derzeitige Nachhilfesystem sozial verträglicher zu gestalten. Im Herbst 2014 wurde die Gratisnachhilfe für Volksschulkinder eingeführt und seit Jänner 2015 gibt es nun auch die Möglichkeit, für SchülerInnen der NMS und der AHS-Unterstufe gratis Nachhilfe zu erhalten. Seit 12. Jänner 2015 sind in Wien rund 9.000 Anmeldungen für die Gratis-Lernhilfe an den öffentlichen AHS- und NMS-Standorten eingegangen. Seit 16. Februar halten rund 300 LernbetreuerInnen an 130 Schulstandorten über 1.000 Kurse in den Unterrichtsfächern Deutsch, Mathematik und Englisch ab. Das zeigt, wie groß der Bedarf an zusätzlicher Lernbetreuung neben den ordentlichen Schulzeiten ist.


Es wird daher der Antrag gestellt, der Landtag wolle beschließen:

Die Landesregierung wird aufgefordert,
1. als Sofortmaßnahme und Übergangslösung dafür Sorge zu tragen, dass in der Steiermark flächendeckend ein Kontingent an Gratis-Nachhilfe für SchülerInnen im Pflichtschulbereich angeboten wird und die dafür erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt werden, und
2. an die Bundesregierung heranzutreten und von dieser ein zeitgemäßes Schulsystem einzufordern, das unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund der Eltern gleiche Chancen für alle Kinder und Jugendlichen gewährleistet und das derzeitige private Nachhilfesystem überflüssig macht.

Unterschrift(en):
LTAbg. Ing. Sabine Jungwirth (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne)