LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 1213/1

Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT)

eingebracht am 05.03.2021, 08:46:05


Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne)
Fraktion(en): Grüne
Zuständiger Ausschuss: Wirtschaft und Wissenschaft
Regierungsmitglied(er): Landesrätin MMag. Barbara Eibinger-Miedl, Landeshauptmann-Stv. Anton Lang

Betreff:
Steirischer Masterplan gegen „Overtourism“ – Maßnahmen zur professionellen Besucherlenkung und für nachhaltige Mobilität im Tourismus

Der steirische Tourismus ist aufgrund notwendiger Covid-Beschränkungen in einer schweren existenziellen Krise. Nach Jahren mit steigenden Nächtigungszahlen und einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung – auch durch umfassende Qualitätsoffensiven – steht die Branche gegenwärtig massiv unter Druck. Es muss daher unumstritten im Fokus der steirischen Wirtschaftspolitik stehen, die unvermeidlichen Folgeschäden der gegenwärtigen Gesundheitskrise im Tourismus soweit wie möglich durch öffentliche Unterstützungsprogramme und Marketinginitiativen rasch zu kompensieren.

Gleichzeitig wurde seit Beginn der Covid-Krise im Jahr 2020 – eine teilweise schon davor vorhandene Problematik – überdeutlich sichtbar: Der immer stärker werdende Druck auf Naherholungsräume und landschaftliche Highlights in der Steiermark durch den Tagestourismus und Freizeitsportaktivitäten. Das Hauptproblem neben dem Druck auf sensible Naturräume und andere Habitate ist unbestreitbar die Belastung durch den motorisierten Individualverkehr bei der Anreise und die damit verbundenen - kaum mehr in den Griff zu bekommenden - Parkflächenprobleme in den betreffenden Gebieten. Leidtragend dabei sind die Wohnbevölkerung in der jeweiligen Region, land- und forstwirtschaftliche Betriebe aber auch der Tourismus selbst, weil derartige ungesteuerte Entwicklungen im Qualitätssegment auch langfristig schweren ökologischen und ökonomischen Schaden anrichten können und zu Akzeptanzproblemen führen. Zahlreiche internationale und nationale Studien zeigen, warum Menschen die Steiermark und Österreich als Urlaubsdestination vorrangig wählen: die Einzigartigkeit der Kultur- und Naturlandschaft, saubere Luft, reines Wasser und nachhaltige landwirtschaftliche Strukturen. Kurz zusammengefasst: Ein hohes Niveau im Natur- und Umweltschutz ist die wesentlichste Voraussetzung für den Erfolg im internationalen touristischen Wettbewerb.

Es gibt auch in der Steiermark unübersehbar Tendenzen – speziell in den Hauptreisezeiten – in Richtung touristischer Übernutzung (Overtourism). Beispiele dafür sind die Südsteirische Weinstraße, der Dachstein als östlichster Gletscher der Alpen, der jüngste österreichische Nationalpark im Gesäuse, das Steirische Salzkammergut mit Altaussee, der Grüne See im Mürztal aber auch der Schöckl als Naherholungsraum für die Landeshauptstadt Graz. Sie alle sind derzeit oft an der Obergrenze der Belastbarkeit.

Diese Gebiete ziehen ihre Wertschöpfung natürlich auch ganz wesentlich aus dem Tourismus – das soll nicht nur so bleiben, sondern auch langfristig abgesichert werden. Aus diesem Grund braucht es zeitgemäße Maßnahmen einer professionellen, touristischen Besucherlenkung und ein Bündel an konkreten Maßnahmen, die Freitzeitnutzer*innen und Tourist*innen dabei unterstützen, Naturräume vom alpinen Bereich im Norden unseres Landes bis in die sanfte Südsteiermark natur- und klimaverträglich zu erleben.

Es ist ein guter Zeitpunkt, den Neustart im Tourismus nach der „Covidkrise“ auch zu nutzen, um hier langfristig Pflöcke für ein Umsteuern im Tourismus einzuschlagen. WIFO-Chef Christoph Badelt forderte erst vor kurzem die Tourismusbranche auf, sich gerade jetzt stärker mit den Themen Umwelt und Energie auseinanderzusetzen. (https://www.kleinezeitung.at/wirtschaft/5942626/TourismusImage-beschaedigt_WifoChef-Badelt-fordert-Neustart-fuer). Auch das Regierungsprogramm der Bundesregierung legt als Ziel im Tourismus eine Entzerrung der Besucherströme als Maßnahme gegen Overtourism fest.

Die Klimakrise stellt den Tourismus vor große Herausforderungen. Der Tourismus muss sich an den Klimawandel anpassen und gleichzeitig klimaverträglicher werden. Insbesondere in den Schlüsselbereichen Verkehr und Energie liegen große Potenziale für eine Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes. Daher ist es notwendig, dass die öffentliche Hand die Entwicklung stärker in Richtung Nachhaltigkeit lenkt. Einer aus Mitteln des Klima- und Energiefonds geförderten Studie zufolge wird auf globaler Ebene geschätzt, dass rund die Hälfte der vom Tourismus verursachten Treibhausgasemissionen aus dem Verkehr stammt. Auch in Österreich trägt vor allem der An- und Abreiseverkehr mit hohem Anteil an Pkw- und Flugverkehr zur Belastung bei. Klimaschonende Anreiseoptionen in ausreichendem Umfang zum Beispiel mit Bahn oder Bus bestehen derzeit nicht. Hier eine Zusammenfassung der Studie "APCC Special Report Tourismus und Klimawandel": http://sr19.ccca.ac.at/wp-content/uploads/2021/02/ASR19-Zusammenfassung_fuer_Entscheidungstragende.pdf

Auch der Österreichische Alpenverein hat das Thema nachhaltige Mobilität und Klimaverträglichkeit im Tourismus umfassend aufgegriffen und erst vor wenigen Wochen eine notwendige Mobilitätswende im Freizeit- und Tagestourismus gefordert: https://www.alpenverein.at/portal/service/presse/2021/2021_01_07_Mobilitaetswende.php

Der Alpenverein hält fest, dass 87% der Bergsportler*innen primär mit dem eigenen PKW in die Bergwelt reisen – lediglich 33% nutzen dafür manchmal die öffentlichen Verkehrsmittel. Die mittlere Distanz für An- und Abreise beträgt bei Tagestouren 144 km, ein Bergsportler/eine Bergsportlerin emittiert durchschnittlich 537,9 kg CO2 pro Jahr – 82,5% dieser Emissionen entstammen der An- und Abreise mit dem PKW. Im Hinblick auf Klimaschutzaspekte ist bei Bergtouren die Wahl des Verkehrsmittels somit der ausschlaggebende Faktor. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar: Es gibt zu wenige Möglichkeiten mit dem Öffentlichen Verkehr anzureisen. Die Fahrdauer ist zu lang, der Transport von oft schwerem und sperrigem Gepäck wie Skier sowie fehlende Verbindungen auf der „letzten Meile“ zu den Ausgangspunkten. Die Mitnahmemöglichkeit für Fahrräder in den Öffentlichen Verkehrsmitteln ist teilweise unmöglich. Der Alpenverein hat diesbezüglich mehrere konkrete Initiativen zum Thema Mobilität in Verbindung mit Tourismus gestartet. Die Initiativen „Urlaub vom Auto“ oder „Umweltfreundliche Reise in die Berge“ sind nur einige Beispiele dafür: https://www.alpenverein.at/portal/natur-umwelt/sanfte_mobilitaet/SanfteMobilitaet_Beispiele.php

Um die Grundlagen für den heimischen Qualitätstourismus langfristig zu sichern, ist es daher erforderlich, umgehend einen „Steirischen Masterplan gegen Overtourism“ inklusive eines konkreten Maßnahmenpaketes mit dem Fokus auf Besucherlenkung und nachhaltige Mobilitätformen zu verankern.


Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Die Landesregierung wird aufgefordert, unter Einbeziehung der Tourismusverbände, der Schutzgebietsverwaltungen, der Gemeinden und der Tourismuswirtschaft einen „Steirischen Masterplan gegen Overtourism“ auszuarbeiten, der folgende Eckpunkte sicherstellt:

  • Ein permanentes Monitoring von „Overtourism-Problemzonen“ in der Steiermark
  • Die Ausarbeitung und Implementierung von individuellen, flexiblen Besucherlenkungskonzepten in den betroffenen Regionen und Gemeinden
  • Den Ausbau und die massive Förderung von nachhaltigen Mobilitätsangeboten im Tourismus vom Wohnort bis zum Zielort (Bahn, Bus, Shuttledienste, Micro-ÖV, Fahrradmitnahmemöglichkeiten)
  • Die Schaffung eines umfassendes Beratungsangebots für betroffene Regionen und Gemeinden
  • Die Verankerung einer zusätzlichen Förderschiene für Tourismusunternehmen, die ihr Angebot auf nachhaltige, innovative Mobilitätskonzepte ausrichten.

Unterschrift(en):
LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne)