LANDTAG STEIERMARK
XVII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 726/1

Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT)

eingebracht am 31.03.2016, 14:21:17


Landtagsabgeordnete(r): Dritter Landtagspräsident Dr. Gerhard Kurzmann (FPÖ), LTAbg. Christian Cramer (FPÖ), LTAbg. Dipl.-Ing. Gerald Deutschmann (FPÖ), LTAbg. Erich Hafner (FPÖ), LTAbg. Herbert Kober (FPÖ), LTAbg. Anton Kogler (FPÖ), LTAbg. Helga Kügerl (FPÖ), LTAbg. Mario Kunasek (FPÖ), LTAbg. Liane Moitzi (FPÖ), LTAbg. Albert Royer (FPÖ), LTAbg. Andrea Michaela Schartel (FPÖ), LTAbg. Dipl.-Ing. Hedwig Staller (FPÖ), LTAbg. Marco Triller, BA (FPÖ)
Fraktion(en): FPÖ
Zuständiger Ausschuss: Wirtschaft
Regierungsmitglied(er): LTAbg. Mag. Christian Buchmann (ÖVP)

Betreff:
Erhalt des derzeitigen Standortes des Volkskundemuseums am Paulustor und Bekenntnis zum laufenden Ausstellungsbetrieb

Nachdem das vormalige Landesmuseum Joanneum Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, volkskundliche Exponate aus der vorindustriellen Zeit zu sammeln, gründete Viktor Geramb 1913 das Volkskundemuseum in der Paulustorgasse. Das Konzept für den auch heute noch bestehenden Standort im ehemaligen Kapuzinerkloster aus dem 17. Jahrhundert am Fuße des Schlossberges basierte auf dem Gedanken, einzelne Räume mit den jeweiligen Objekten als Gesamtinstallation darzustellen.

Im Zuge eines Umbaus in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden der „Trachtensaal“ mit einer Übersicht über die regionalen Kleidungsarten mehrerer Jahrhunderte und die „Rauchstube“ eines Bauernhofes aus dem 16. Jahrhundert installiert. Dieser Wohn- und Gemeinschaftsraum legt eindrucksvoll Zeugnis über die bäuerliche Lebenswelt und die der sozio-ökonomisch schwächsten Gesellschaftsschichten vergangener Jahrhunderte ab. 2003 wurde das Museum mit neuem Design wiederöffnet und 2008 abermals mit Änderungen am Ausstellungskonzept präsentiert. (Quelle: https://www.museum-joanneum.at/volkskunde/ueber-uns/geschichte)

Univ.-Prof. Dr. Viktor Geramb war nicht nur der geistige Vater dieses Museums, sondern hatte seit 1931 an der Karl-Franzens-Universität auch die einzige Professur für Volkskunde im gesamten deutschen Sprachraum inne. Wie der wissenschaftlichen Literatur zu Geramb zu entnehmen ist, stand er dem Reichsgedanken des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nahe und verlor während der Zeit des Nationalsozialismus seine Professur. Daneben gründete er das „Steirische Heimatwerk“, eine der herausragenden Einrichtungen der steirischen Volkskultur in der Gegenwart. Das Land Steiermark ist hier maßgeblich an der Pflege und zeitgemäßen Weitergabe des heimischen Brauchtums beteiligt.

Die derzeitige Dauerausstellung des Volkskundemuseums beschäftigt sich mit den drei Themenbereichen „Wohnen, Kleiden und Glauben“, überwiegend am Material steirischer Objekte. „Das neue Konzept der Dauerausstellung konzentriert sich thematisch weitgehend auf die zentralen Sammlungsschwerpunkte des Hauses, die sich rund um die grundlegenden Bedürfnisse menschlicher Existenz wie WOHNEN, KLEIDEN und GLAUBEN bewegen. Stets sind es ‚Dinge‘, die uns unser kulturelles Leben erklären. ‚Dinge‘ – wie sie gelesen werden können, wie wir sie verstehen, verwenden oder auch nicht mehr verwenden – stehen im Mittelpunkt der neuen Dauerausstellung, die sich über eine Fläche von mehr als 1000 m2 erstreckt. Die Besucher/innen treten in einen spannenden Dialog mit ihrer Welt und können diese im Museumsrundgang mit allen Sinnen für sich begreifbar machen.“ Anhand dieser Exponate soll es demnach dem Besucher möglich sein, nachzuvollziehen, wie Sammlungsobjekte aus ihrem ursprünglichen Kontext genommen werden, ihren damit einhergehenden Bedeutungszusammenhang verlieren und anschließend im Museum neu kontextualisiert werden. Im Zusammenspiel des Besuchers und des Objekts kann hierdurch ein tieferes Verständnis für die Veränderung von Lebenswelten und derer materiellen Zeugnisse über einen lang andauernden Zeitraum erreicht werden. (Quelle: https://www.museum-joanneum.at/volkskunde/ausstellungen/ausstellungen/events/event/01.01.2014-31.12.2020/dauerausstellung-13)

Neben der Dauerausstellung konnte und kann das Volkskundemuseum in regelmäßigen Abständen mit aktuellen Themen aufwarten, die in eigenen Ausstellungen aufbereitet und präsentiert werden. So wurde im Jahre 2010 die Ausstellung „l[i]eben. uferlos und andersrum“ eröffnet: „‚Liebe ist, wenn….‘ Kaum ein Zustand wurde öfter zu definieren versucht, öfter beschrieben, öfter besungen, öfter beweint oder öfter glückselig memoriert als die Liebe. Sie ist ein Code, mit dem wir Gefühle interpretieren, einordnen oder generieren. Wen oder was wir als liebens- oder begehrenswert empfinden, hängt mit Vorstellungen eines idealen Körpers, Bildern von Mann und Frau, unserem Sinn für Schönheit und auch davon ab, was wir für normal halten. Bilder von Liebe und Begehren, Erotik und Sexualität haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert.“ (Quelle: https://www.museum-joanneum.at/volkskunde/ausstellungen/ausstellungen/events/event/16.02.-26.10.2010/l-i-eben-2)

Im Jahre 2012 konzipierte man die Ausstellung „ZeitZeitZeit… Vom schnellen Leben und der Kunst des Verweilens“, die sich mit der zunehmenden Beschleunigung des Lebens und dem Umgang mit der Zeit beschäftigt: „Das Tempo unserer Gesellschaft nimmt stetig zu, immer mehr Leistung soll in immer kürzerer Zeit erbracht werden. Ein auswegloser Prozess? Diese Ausstellung im Volkskundemuseum regt an, über den Umgang mit Zeit nachzudenken und jene Inseln der Autonomie aufzuspüren, die dem Strom der Zeit zu widerstehen helfen. ZeitZeitZeit befragt u. a. Spezialisten aus Philosophie und Religion, konsultiert die Zeitapotheke, verweilt bei Zeitgeschichten und lädt ein zum Verweilen und Verschenken von Zeit.“ (Quelle: https://www.museum-joanneum.at/volkskunde/ausstellungen/ausstellungen/events/event/01.03.-30.11.2012/zeitzeitzeit-1)

Im letzten Jahr präsentierte man die Ausstellung „Steiermark im Blick. Perspektiven auf eine Landschaft“ mit Augenmerk auf die bäuerliche Prägung der steirischen Landschaft und deren Vermarktung durch die Tourismuswerbung: „Wo einst das Genießen der Landschaft zu den Merkmalen der Sommerfrische gehörte, wird nun die Erlebnisfähigkeit des Genießens selbst proklamiert. Und die Bäuerinnen und Bauern müssen entscheiden, ob sie zu Landschaftspflegern oder Energiewirtinnen werden.“ (Quelle: https://www.museum-joanneum.at/volkskunde/ausstellungen/ausstellungen/events/event/20.03.2015-06.01.2016/steiermark-im-blick)

Doch trotz der erfolgreichen Ausstellungen und Präsentationen der letzten Jahre wurden im Februar Pläne publik, die eine Auflassung des Standortes am Paulustor oder gar die Schließung des Volkskundemuseums zum Inhalt haben. So berichtete die „Kleine Zeitung“ am 11. Februar 2016 wie folgt: „Auf Anfrage der Kleinen Zeitung stellt Joanneum-Geschäftsführer Wolfgang Muchitsch schnell klar: ‚Wir sperren nichts zu.‘ Nichtsdestotrotz muss er aber auch zugeben, dass die budgetäre Situation ‚angespannt‘ sei. […] Da er weder beim Personal noch bei den Ausstellungen (‚Da haben wir einen Generationenvertrag‘) einsparen will, bleibe nur eine Wahl: ‚Wir überlegen uns tatsächlich, das Volkskundemuseum als Gebäude aufzugeben und es – wie noch vor den Zeiten Viktor Gerambs – gemeinsam mit der Kulturhistorischen Sammlung zu präsentieren.‘ Muchitsch ist überzeugt, auf diese Weise die Sammlung in eine gute Zukunft führen zu können, ‚denn es ist nicht mehr zeitgemäß, das Leben der reichen Menschen im Museum im Palais und jenes der armen Menschen im Volkskundemuseum getrennt voneinander darzustellen‘.“ (Quelle: http://www.kleinezeitung.at/s/steiermark/graz/4923477/Umzugsplaene-im-Museum-). Wie Muchitsch zu der völlig irrigen Einschätzung hinsichtlich der Darstellung des Lebens von armen und reichen Menschen kommt, soll hier unbeantwortet bleiben. Gerade der Geschäftsführer des Joanneums sollte den Ausstellungsbetrieb seiner Museen kennen. Führt man sich die bereits genannten Beispiele vor Augen, so hat sich das Volkskundemuseum längst an die Erfordernisse moderner Museumskultur angepasst und präsentiert dementsprechend Inhalte verschiedenster Art mittels zeitgemäßer wissenschaftlicher Aufarbeitung.

In einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“ vom 28. Februar 2016 bekräftigte Muchitsch sein Sparprogramm für das Volkskundemuseum: „Es gibt ein paar Gerüchte und wohl auch ein paar Wahrheiten rund um die Zukunft des Volkskundemuseums. Stichwort: Zusammenlegung. Können Sie da schon was Konkreteres verraten?

MUCHITSCH: Konkret ist noch nichts. Aber wie ich schon sagte: Angespannte Bedingungen fordern kreative Überlegungen. Als ordentlicher Kaufmann bin ich gezwungen, bestimmte Szenarien zu entwerfen, wie man auf gewissen Entwicklungen am besten reagieren kann. Ich stehe dazu, dass es eine zu prüfende Variante ist, dass das Volkskundemuseum den Standort Paulustor verlässt und ins Museum im Palais in der Sackstraße auswandert - und dass wir dessen Sammlung dort gemeinsam mit der Kulturhistorischen Sammlung präsentieren. Dazu bräuchte es aber zunächst den kulturpolitischen Willen.“ (Quelle: http://www.kleinezeitung.at/s/kultur/4935073/Interview_Vom-Brennen-und-vom-Leuchtturm-im-Joanneum)

In der Sitzung des Grazer Gemeinderates am 25. Februar 2016 thematisierte FPÖ-Gemeinderat Berno Mogel die geplante Schließung des Standortes. Die zuständige Stadträtin Lisa Rücker verwies in ihrer Stellungnahme eingangs darauf, dass sie nur für das Kunsthaus zuständig wäre. Jedenfalls gebe es derzeit einen hohen Spardruck innerhalb des Joanneums, zudem teile sie die Einschätzung, „dass zuerst die Qualität der Sammlung und die Arbeitssicherheit der Mitarbeiter wichtig sind, so sehr ich den Standort in der Paulustorgasse auch schätze." (Quelle: http://www.graz.at/cms/beitrag/10264254/1618648)

Es ist keine Überraschung, dass sich Frau Rücker einmal mehr als Vertreterin eines pseudoelitären Kreises von Kunst- und Kulturschaffenden geriert, ohne aufgrund der fehlenden Sachkompetenz selbst dazuzugehören. Hierzu zählt auch die von Rücker und Muchitsch geteilte Einschätzung, das Grazer Kunsthaus könne alleine für den Kunststandort Graz sprechen. Als Angestellter des Landes Steiermark müsste Muchitsch jedoch, unter Einbeziehung der historischen Wichtigkeit des Volkskundemuseums und seines Gründers sowie der großartigen Leistungen und Bemühungen der Mitarbeiter im Bereich der Dauerausstellung und der regelmäßig stattfindenden Themenschwerpunkte, die Interessen des Kunst- und Kulturstandortes Steiermark vertreten. Kulturpolitik muss sich auch um die Anliegen des Steuerzahlers kümmern und darf kein Minderheitenprogramm für eine selbsternannte Kunstelite sein.


Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Die Landesregierung wird aufgefordert,

  1. sich als Eigentümervertreter für den Erhalt des historischen Standortes des Volkskundemuseums am Grazer Paulustor einzusetzen,
  2. eine ausgewogene budgetäre Schwerpunktsetzung innerhalb des Universalmuseums Joanneum (UMJ) – auch abseits des Kunsthauses – sicherzustellen und
  3. ein Bekenntnis zur Aufrechterhaltung einer modernen wissenschaftlichen Rezeption der Volkskunde und deren Inhalte abzulegen, ohne diese anderen Bereichen des UMJ unterzuordnen.

Unterschrift(en):
Dritter Landtagspräsident Dr. Gerhard Kurzmann (FPÖ), LTAbg. Christian Cramer (FPÖ), LTAbg. Dipl.-Ing. Gerald Deutschmann (FPÖ), LTAbg. Erich Hafner (FPÖ), LTAbg. Herbert Kober (FPÖ), LTAbg. Anton Kogler (FPÖ), LTAbg. Helga Kügerl (FPÖ), LTAbg. Mario Kunasek (FPÖ), LTAbg. Liane Moitzi (FPÖ), LTAbg. Albert Royer (FPÖ), LTAbg. Andrea Michaela Schartel (FPÖ), LTAbg. Dipl.-Ing. Hedwig Staller (FPÖ), LTAbg. Marco Triller, BA (FPÖ)