LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 705/1

Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT)

eingebracht am 26.08.2020, 09:32:41


Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne)
Fraktion(en): Grüne
Zuständiger Ausschuss: Landwirtschaft
Regierungsmitglied(er): Landesrat Johann Seitinger, Landesrätin Mag. Ursula Lackner

Betreff:
Förderung Aquakultur I (extensive Teichwirtschaften)

Temporäre und partielle Versorgungsengpässe im Zuge der Corona-Pandemie haben die Bedeutung nationaler Lebensmittelautarkie ins kollektive Bewusstsein gerückt und die Importabhängigkeit in einigen Bereichen der Lebensmittelwertschöpfungskette offensichtlicher gemacht (siehe Lindenthal & Schlatzer, 2020). Eine vielfältige, regionale und ökologische Landwirtschaft gilt als wichtigstes Element für die Bereitstellung gesunder Nahrung in Krisenzeiten, mit welchen, mitverursacht durch die globale Erwärmung, zunehmend zu rechnen sein wird (Jin, 2020).

Während sich die öffentliche und politische Debatte über Nahrungsmittelsicherheit & Nahrungsmittelqualität in Österreich stark auf Rinder-, Schweine- und Hühnerfleisch fokussiert, wird eine andere landwirtschaftliche Sparte, die Süßwasserfischproduktion, weitgehend ausgespart. Dieser Umstand ist insofern erstaunlich, als dass

(a) der nationale Selbstversorgungsgrad bei Fisch (6% insgesamt, ca. 40 % bei Süßwasserfischen) deutlich geringer ist als für die anderen Fleischkategorien (Rind: 141%, Schwein: 101%, Geflügel:71%; Statistik Austria 2018);

(b) Fischfleisch als hochwertige Quelle für Proteine (und daher essentielle Aminosäuren) und ungesättigte Fettsäuren (z.B. Omega-3 Fettsäuren) nachweislich gesünder ist als rotes Fleisch (dessen regelmäßiger Verzehr ein erhöhtes Darmkrebsrisiko birgt (Chen et al., 1998; English et al,2014; Aykan, 2015);

(c) die regionale Aufzucht von Süßwasserfischen, v.a. in extensiven Teichwirtschaften, signifikant weniger CO2-Emissionen verursacht als die heimische Rinder-, Schweine- und Geflügelindustrie und ebenfalls eine günstigere Klimabilanz als importierter Meeres- oder Süßwasserfisch aufweist (https://orf.at/stories/3103363/);

(d) die extensiv bewirtschafteten Teichanlagen biodiverse Ersatzlebensräume und Refugien für aquatische und semiaquatische Organismen in der österreichischen Kulturlandschaft darstellen (siehe: https://noe.orf.at/stories/3054831/) sowie andere wichtige Ökosystemleistungen (z.B. Wasserretention, lokale Klimaregulation) erbringen (Plieninger et al., 2010; Matzinger, 2014);

(e) der vermehrte Konsum von Süßwasserfisch nicht zuletzt der Überfischung der Weltmeere entgegenwirken würde (https://www.donau-uni.ac.at/de/aktuelles/upgrade-das-magazin-fuer-wissen-und-weiterbildung-der-donau-universitaet-krems/archiv/upgrade-4.19-natur-unter-druck/interview-retten-was-noch-zu-retten-ist.html).

Zusammengefasst hat die heimische Süßwasserfischproduktion also nicht nur ein hohes Wachstums- und Emissionsreduktionspotential, sondern kann auch maßgeblich zu einer gesünderen Bevölkerungsernährung und zum lokalen Arten- und Biotopschutz beitragen.

Obwohl die Initiative „Aquakultur 2020“ des BMLRT durch gezielte Maßnahmensetzung eine kontinuierliche Produktionssteigerung in einzelnen Sparten (Forellenproduktion, Indoor-Kreislaufanlagen) bewirken konnte, entwickelt sich die extensive, klima- und umweltfreundliche Karpfenteichwirtschaft nur schleppend (SWOT-Analyse EMFAF 2021 – 2027).

Die Steiermark, neben Niederösterreich ein Zentrum der heimischen Karpfenproduktion, ist daher besonders betroffen. Hierfür können, neben der zunehmenden Wasserknappheit, zwei Hauptursachen genannt werden:

1) Fischfraß: Viele Teichwirtschaften erleiden empfindliche Produktionseinbußen durch Prädatoren, v.a. die erfolgreiche Rückkehr des Fischotters (Lutra lutra) trifft die Betriebe teils heftig. Nach einer vom Umweltbundesamt durchgeführten Umfrage unter Fischproduzenten, liegt die jährliche Verlustrate durchschnittlich bei 30 %. Die Landwirtschaftskammer Steiermark schätzt den jährlichen Fischausfraß durch den Otter mittlerweile auf 1000 Tonnen (!). Während Betriebe in anderen Bundesländern (NÖ, K) für Otterschäden zumindest teilentschädigt werden, gibt es in der Steiermark keine Kompensationszahlungen durch das Land. Finanzielle Entschädigungen würden zwar nicht direkt zu einer Produktionssteigerung beitragen, aber zumindest verhindern, dass heimische Aquakulturen aufgrund der ansonsten eintretenden Unwirtschaftlichkeit ihre Teichanlagen stilllegen oder für die Freizeit- und Hobbynutzung verpachten (nach Schätzung der Landwirtschaftskammer gingen dadurch ca. 150 Hektar (!) Fischproduktionsfläche in den letzten 10 Jahren steiermarkweit verloren). Als weitere, zumindest produktionssichernde Maßnahme ist die Einfriedung von Teichanlagen mittels Elektro- und Fixzaun zu bewerten, wodurch Otterschäden, abhängig von Lage-, Größe- und Topographie des Gewässers, effektiv vermindert werden können. Die Errichtung solcher Zäune wird zwar vom Land Steiermark subventioniert, die dafür freigegebenen Mittel (30.000 Euro) sind aber deutlich zu gering. Zudem sind die maximalen Zuschüsse pro Anlage mit 2000 (Elektrozaun) bzw. 3000 Euro (Fixzaun) gedeckelt und der Selbstbehalt für die BewirtschafterInnen kann (z.B. bei großen Teichen) beträchtlich sein.

2.) Förderstrukturen: Der Ausbau und Betrieb der extensiven Teichwirtschaften ist mit hohen Investitionskosten verbunden und für die Betreiber nur langfristig gesehen rentabel. Um hier eine signifikante Erhöhung der Fischproduktion zu erreichen, braucht es daher deutlich höhere Förderungen für Investitionen, von der Betriebsgründung bis zur Vermarktung. Der Europäische Meeres- und Fischereifonds, kurz EMFF, ist diesbezüglich das zentrale Förderelement. In der aktuellen Periode (2014 - 2020) bekommt Österreich unter allen EU-Mitgliedstaaten den geringsten Budgetanteil (0,12 % der gesamten EMFF-Mittelzuweisungen für alle EU-Mitgliedstaaten) und der Bedarf übersteigt die verfügbaren Fördermittel deutlich (SWOT-Analyse EMFAF 2021 – 2027).

Ergänzend zum EMFF-Programm wird seit dem Jahr 2016 eine Förderung für die naturnahe, extensive Bewirtschaftung von Teichen angeboten, die aus rein nationalen Mitteln (Bund und Länder) finanziert wird. Auch diese Förderschiene ist mit derzeit 300 Euro/ha deutlich ausbaufähig.

Dass Österreich den nationalen Bedarf an Süßwasserfischen weitgehend selbst produzieren könnte, wurde bereits im Zuge eines Projektes dargelegt (Seliger et al., 2019). Nun liegt es an der Politik, die nötigen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.


Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Die Landesregierung wird aufgefordert,

1. die steirischen Aquakulturbetriebe für Ausfraßschäden durch den Fischotter entsprechend zu entschädigen, um das wirtschaftliche Überleben der Betriebe zu sichern,

2. die Fördermittel für Fischotterschutzzäune folgendermaßen aufzustocken: 100 % Förderung für Fix- und Elektrozäune bei Teichen ≤ 1 Ha und maximale Förderungen bei Teichen > 1 Ha von 10.000 (Fixzaun), 5000 (Elektrozaun) und 4000 Euro (sonstige Maßnahmen),

3.) die Fördermittel für ökologisch wertvolle Teichflächen (Nationale Sonderrichtlinie: naturnahe, extensive Bewirtschaftung von Teichen) von derzeit 300 auf 800 Euro pro Hektar förderfähiger Teichfläche zu erhöhen und

4.) an die Bundesregierung mit dem Ersuchen heranzutreten, in den laufenden EMFF-Budgetverhandlungen für eine deutliche Aufstockung der nationalen Gelder einzutreten.


Unterschrift(en):
LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne)