LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 1335/1

Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT)

eingebracht am 23.04.2021, 08:42:36


Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne)
Fraktion(en): Grüne
Zuständiger Ausschuss: Soziales
Regierungsmitglied(er): Landesrätin Mag. Doris Kampus, Landesrätin Dr. Juliane Bogner-Strauß

Betreff:
Time-out-Angebote für „Systemsprenger*innen“ prüfen

Mit der umstrittenen Bezeichnung „Systemsprenger*innen“ werden in der Fachliteratur Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendhilfe bezeichnet, die innerhalb des bestehenden Kinderbetreuungssystems keinen festen Ort finden, sondern permanent hin und her geschoben werden. Diese Kinder wechseln solange zwischen Heimen, Pflegefamilien, Psychiatrien und später teils auch Gefängnis hin und her, bis sie zu alt sind, um weiterhin von der Kinder- und Jugendhilfe betreut zu werden. Marek Zeliska vom SOS-Kinderdorf stellt die Bezeichnung insofern klar, als diese Kinder „kein funktionierendes System“ zerstören würden. „Es sind eher gescheiterte Systemprozesse, die dazu führen, dass diese Personen nirgendwo ausgehalten werden.“ Die durch den Begriff „Systemsprenger*innen“ zusammengefasste Personengruppe zeichnet sich somit in keiner Form durch eine einheitliche Persönlichkeitseigenschaft geschweige denn eine einheitliche Diagnose aus. Vielmehr ist die Bezeichnung der schwierige und unzureichende Versuch, eine heterogene Gruppe von Kindern und Jugendlichen zu beschreiben, deren Gemeinsamkeit darin liegt, dass die bestehenden Systeme nicht dazu in der Lage sind, den Anspruch der Kinder „auf den Schutz und die Fürsorge, die für [ihr] Wohlergehen notwendig sind, auf bestmögliche Entwicklung und Entfaltung sowie auf die Wahrung [ihrer] Interessen“ sicherzustellen (vlg Art 1 Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern).

Mit Schriftlicher Anfrage vom 26.10.2020, EZ/OZ: 870/1, wollten die Grünen von Soziallandesrätin Mag.a Doris Kampus unter anderem wissen, welche Strategien derzeit in der Steiermark verfolgt werden, um Kinder, die innerhalb der bestehenden Kinderbetreuungssysteme keinen festen Ort finden, in ein funktionierendes Betreuungssystem zu integrieren. Auch wollten die Grünen wissen, ob es in der Steiermark ein Best Practice Modell zur Eingliederung dieser Kinder gebe oder ob diesbezügliche Erfahrungsberichte aus den anderen Bundesländern oder dem Ausland vorliegen würden. In ihrer Antwort führte die Soziallandesrätin mit Verweis auf die Heterogenität der betroffenen Personengruppe aus, es könne weder eine konkrete Zahl von Betroffenen genannt werden noch nur einen Ansatzpunkt geben. Neben anderen aufgelisteten Maßnahmen sei es ein wesentlicher Punkt, Jugendliche und Familien möglichst früh, passgenau und kooperativ zu unterstützen, wozu „kooperative Hilfeplanung, Case Management bzw. Sozialraumorientierung, verstärkte Vernetzung, verstärkter Einbezug der Eltern, Bezirksverwaltungsbehörde als erste niederschwellige Anlaufstelle, Flexible Hilfen, Elternberatungszentren, usw.“ dienen würden. Weiters hätten sich in der Steiermark „einzelne Einrichtungen auf Kompetenzen im Sinne der Bedarfe dieser Zielgruppe spezialisiert, wie bspw. die Intensivpädagogische Wohngemeinschaft.“ Darüber hinaus wird in der Anfragebeantwortung auf die Novellierung der Stmk. Kinder- und Jugendhilfegesetz-Durchführungsverordnung (StKJHG-DVO) im Jahr 2020 verwiesen, die „nunmehr auch Individualkonzepte für spezifische Betreuungssettings ermöglicht und somit für jedes Kind bzw. jeden Jugendlichen passgenaue Modelle zur Verfügung“ stellt. Welche konkreten Konzepte nunmehr für „Systemsprenger*innen“ zur Verfügung stehen, wird mit Ausnahme der Intensivpädagogischen Wohngemeinschaft nicht dargelegt. Demensprechend wird auch die Frage nach einem steirischen Best Practice Modell vage beantwortet und darauf hingewiesen, „die Möglichkeit, auf Basis verschiedener Ansätze und Modelle zu arbeiten,“ erweise sich als „wirksam“.

Während die gute Arbeit in den genannten Einrichtungen keineswegs bestritten wird, besteht jedoch die Kritik, dass in der Steiermark „Angebote für diese ‚schwer erreichbaren‘ Jugendlichen kaum vorhanden“ bzw „sehr begrenzt“ seien, während „in anderen (Bundes-)Ländern in Österreich, Deutschland und der Schweiz sehr wohl Hilfeformen etabliert [sind], die ein besonderes Augenmerk auf diese Adressaten/innengruppe richten“ (Burisch, Intensivpädagogische Hilfeformen für „schwer erreichbare“ Jugendliche, Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Master of Arts an der Karl-Franzens-Universität Graz, 2015). Tatsächlich finden sich auch im aktuellen Leistungskatalog zur StKJHG-DVO keine konkreten Angebote für „schwer erreichbare“ Jugendliche aka „Systemsprenger*innen“, sondern scheint der Zugang darin zu bestehen, allgemeine stationäre Leistungsangebote in Verbindung mit sogenannten Zusatzpaketen anzubieten. Aus der Praxis mehren sich aber die Stimmen, wonach das steierische System nicht dazu in der Lage sei, „Systemsprenger*innen“ aufzufangen, sondern speziell auf „schwer erreichbare“ Jugendliche angepasste Angebote etabliert werden müssten.

Ein von Burisch ins Treffen geführter Lösungsansatz wird in der Schweiz im Rahmen der sogenannten „Time-outs“ verfolgt. Ein „Time-out“ im genannten Kontext ist eine zeitlich begrenzte Herausnahme der Kinder und Jugendlichen aus dem aktuellen Lebensumfeld (der Familie, der Pflegefamilie oder auch einer stationären Unterbringung), wenn dort ein weiterer Verbleib aufgrund akuter Überlastung nicht mehr im Sinne der Kinder und Jugendlichen und eine Weiterarbeit wie bisher nicht möglich ist. Im Rahmen dieser „Time-outs“, die im Regelfall wenige Wochen bis zu mehreren Monaten dauern,  soll eine nachhaltige Veränderung bei der betroffenen Person und deren Umfeld initiiert, eingeübt und verfestigt werden. (siehe etwa: https://www.subito.ch/de/leistungen/time-out). Es geht also keineswegs darum, die Kinder und Jugendlichen bis zum Erreichen der Volljährigkeit anderswo unterzubringen. Vielmehr ist das Ziel, durch eine vorübergehende Auszeit aus dem gewohnten Betreuungsumfeld sowohl dem Kind als auch dessen Umfeld die Zeit und Werkzeuge zu geben, um eine langfristige Stabilisierung sowie eine neue Orientierung für die Zukunft zu erreichen.

Da das „Time-out“ somit eine Orientierungs- und Stabilisierungspause darstellt, sollte dieses nicht zu einem dauerhaften Abbruch der vorherigen Betreuung führen, sondern deren Fortführung sicherstellen. In der Literatur werden drei Arten von „Time-outs“ genannt:

  1. Ein prozessorientiertes „Time-out“, in dem das Umfeld eng mit einbezogen bleibt.
  2. Ein „Entlastungs-Time-out“, in dem keine Zielsetzungen bestehen, außer Entspannung durch räumliche Trennung zu kreieren.
  3. Ein „Konsequenz-Time-out“, in dem mit dem „Time-out“ als Intervention eine der letzten und massivsten Maßnahmen ergriffen wird, um spürbar aufzuzeigen, dass man es so, wie es im Moment läuft, nicht will.

„Time-outs“ scheinen somit gerade deshalb ein attraktiver Lösungsansatz für den Umgang mit „Systemsprenger*innen“ sowie deren Umfeld in akuten Krisen darzustellen, da sie eben von einem Kontinuitätsgedanken getragen werden, wodurch die Kinder und Jugendlichen nicht (immer wieder) aus ihrem Umfeld herausgerissen werden (Quelle: Burisch, Intensivpädagogische Hilfeformen für „schwer erreichbare“ Jugendliche., Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Master of Arts an der Karl-Franzens-Universität Graz, 2015, mwN zu weiterführender Literatur).

Während das Schweizer „Time-out“-Modell großteils mit qualifizierten Pflegefamilien arbeitet, die überdies von qualifizierten Fachleuten engmaschig begleitet werden, wäre nach Einschätzung von Dr. Thomas Trabi, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, auch die Schaffung von „Auszeithäusern“ ein möglicher Weg im Umgang mit „Systemsprenger*innen“. Dabei würde es sich um Einrichtungen handeln, die Kindern und Jugendlichen sowie ihrem Umfeld dank hoher Betreuungsdichte mit interdisziplinär qualifiziertem Personal „Time-Outs“ ermöglichen. Darüber hinaus könnten diese Häuser auch dazu dienen, für Kinder und Jugendliche nach einem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Übergangsphase zu schaffen, um sie und ihr Umfeld auf die Rückkehr in dieses Umfeld vorzubereiten. Darin würden sich „Auszeithäuser“ auch von den in der Steiermark etablierten – und zweifellos auch für den Fall der Einrichtung von „Auszeithäusern“ weiterhin notwendigen – Kriseninterventionsstellen unterscheiden, deren Ziel „die Bereitstellung einer Zufluchtsmöglichkeit in Krisensituationen [ist], welche rund um die Uhr erreichbar ist und Soforthilfe, eine unbürokratische Aufnahme, einen täterfreien Raum der Schutz bietet, die Erfüllung von Grundbedürfnissen (essen, schlafen, waschen) gewährleistet sowie bei der Planung und/oder Bereitstellung von kurz- bis mittelfristigen Hilfsmaßnahmen, Unterstützung anbietet“ (Quelle: Anlage 1 der StKJHG-DVO).

Selbstverständlich wird nicht verkannt, dass auch das Modell der „Time-outs“ nicht für alle „Systemsprenger*innen“ eine geeignete Stabilisierungsmaßnahme darstellen kann, was im Hinblick auf die bereits dargelegte Heterogenität der Betroffenen schlicht nicht möglich ist. So wird eine Rückkehr in das gewohnte Umfeld für manche Kinder und Jugendliche leider auch durch wiederholte „Time-outs“ nicht erreicht werden können. Jedoch handelt es sich bei „Time-out“-Maßnahmen um ein konkretes Angebot für Kinder und Jugendliche, die in den bekannten Systemen nicht erreicht werden können, und nicht lediglich um eine hilfsweise und damit oft zum Scheitern verurteilte Anpassung dieser Systeme. Nicht zuletzt würden eigene „Time-out“-Angebote wohl dazu führen, dass nicht nur die betroffenen Kinder und Jugendlichen, sondern auch die schon bestehenden Systeme entlastet werden, was zweifelsfrei zu deren Qualitätssteigerung beitragen würde.


Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Die Landesregierung wird aufgefordert,

  1. auf Basis des Schweizer Modells die Implementierung von „Time-out“-Konzepten für „Systemsprenger*innen“ in der Steiermark zu prüfen,
  2. im Falle einer positiven Wirksamkeitsprognose steirische  „Time-out“-Konzepte anhand allenfalls notwendiger landesgesetzlicher Anpassungen auszuarbeiten und
  3. dem Landtag darüber Bericht zu erstatten.

Unterschrift(en):
LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne)