LANDTAG STEIERMARK
XVII. GESETZGEBUNGSPERIODE


TOP 10

EZ/OZ 2046/5

Schriftlicher Bericht

Ausschuss: Bildung

Betreff:
Sprachförderung in steirischen Kindergärten

 

zu:
EZ 2046/1, Verfehlte Sprachförderung in steirischen Kindergärten (Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT))

 

Der Ausschuss "Bildung" hat in seiner Sitzung am Dienstag, dem 24.04.2018 über den oben angeführten Gegenstand die Beratungen durchgeführt.

Mit Beschluss des Ausschusses für Bildung, Schule, Kinderbetreuung, Jugend, Frauen, Familie und Sport vom 09.01.2018 wurde die Steiermärkische Landesregierung ersucht, eine Stellungnahme zum Antrag, Einl.Zahl 2046/1, abzugeben.

Aufgrund dieses Beschlusses erstattet die Steiermärkische Landesregierung folgende Stellungnahme:

Im Rahmen der Maßnahmen zur frühen sprachlichen Förderung in steiermärkischen Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen wird der Fokus auf die in der Vereinbarung formulierten Ziele gelegt. Alle gesetzten Maßnahmen dienen dazu, drei- bis sechsjährige Kinder sowohl mit Erstsprache Deutsch wie auch mit Zweitsprache Deutsch, wenn sie über mangelnde Sprach- und Deutschkenntnisse verfügen, in institutionellen Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen so zu fördern, dass sie bis zum Eintritt in die Schule die Unterrichtssprache Deutsch bestmöglich beherrschen und entsprechend ihres Alters über eine ausreichende Sprachentwicklung verfügen.

Eine der Maßnahmen des steirischen Konzepts ist der Einsatz von zusätzlichem Personal zur Förderung der deutschen Sprache. Zusätzliches Personal bedeutet in diesem Zusammenhang, dass außerordentlich zu den regulären PädagogInnen und BetreuerInnen Personen für eine definierte Anzahl von Stunden speziell für die Sprachförderung eingesetzt werden. Diese Stunden werden vorwiegend von externen Fachpersonen geleistet.

Die Qualität der pädagogischen Arbeit in den Einrichtungen hat enormen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder und demnach auch auf den späteren Schulerfolg (vgl. Tietze et al. 2016, S. 17). „Die Sprachentwicklung eines Kindes ist abhängig von den Möglichkeiten, die es zum Erkunden seiner Umgebung hat, und von der Intensität, mit der […] Gesprächspartner das Kind anregen und fördern“ (Tietze et al. 2016, S.126). Im Rahmen der frühen sprachlichen Förderung wird der individuellen Kommunikation und dem intensiven Austausch in Klein- oder Teilgruppen oder auch in Einzelsettings somit eine besondere Bedeutung beigemessen.

Zusätzliches Personal in den Einrichtungen soll daher die Intensität und Häufigkeit dieser Situationen erhöhen, um den Kindern bestmögliche Unterstützung zu bieten.

Die in den Einrichtungen tätigen Sprachförderkräfte sind besonders sensibilisiert auf ihr sprachförderliches Verhalten, um wichtige Lernschritte des Kindes erfolgreich zu unterstützen. Dem Aufbau stabiler Beziehungen und dem gegenseitigen Vertrauen werden hohe Bedeutung beigemessen, da diese die Basis für gelingendes Lernen und für erfolgreichen Spracherwerb bilden. Kindliche Sprachentwicklung ist ein komplexer Prozess, der sich stark am Modell orientiert und zahlreiche Gelegenheiten braucht, um Sprache zu erproben und sie immer präziser anzuwenden.

Sprachförderkräfte begleiten Kinder in natürlichen sprachlichen Situationen im Alltag und geben ihnen in ihren Angeboten einen reichhaltigen, anregenden und korrekten Input in Umgangs- und Schriftsprache (vgl. Kucharz et al. 2015, o. S.).

Da alltagsintegrierte Sprachförderung auf pädagogische und linguistische Erkenntnisse aufbaut, wird sie nicht willkürlich, sondern sinnvoll und strukturiert geplant, durchgeführt und reflektiert (vgl. MFKJKS 2014, S.11). Dies umfasst z.B.:

  • Arbeit mit Bilderbüchern

  • Didaktische Spiele

  • Einsatz von Schrift und Symbolen (Buchstabenspiele, Anlautspiele, Geschichten der Kinder verschriftlichen, etc.)

  • Bewegungs- und Kreisspiele

  • Theater- und Rollenspiel (z.B. Handpuppen)

  • etc.

Dabei greifen die Sprachförderkräfte unterschiedliche Situationen im Alltag auf, die sich an den Interessen und Lebenswelten der Kinder orientieren. Durch dieses „Spielen mit Sprache“ (mit Hilfe von Liedern, Reimen, Zungenbrechern usw.) wird die kindliche Aufmerksamkeit auf die sprachliche Form gelenkt, was sich positiv auf die Entwicklung sprachlicher Kompetenzen auswirkt (vgl. Oomen-Welke 2003, o.S. zit. n. Kniffka et al. 2005, S.5).

Die Sprachförderkräfte führen selten verwendete Wörter ein, leiten zur Differenzierung von Begriffen an und erreichen durch Nachfragen eine komplexere bzw. verständlichere Darstellung von sprachlichen Inhalten aufseiten der Kinder (vgl. Textor 2007, S.29f).

Aufgrund laufender Beobachtung und Dokumentation des aktuellen Entwicklungsstandes gelingt es Sprachförderkräften verschiedene Strategien zur Sprachförderung flexibel einzusetzen und das Kind entwicklungsangemessen zu unterstützen.

Sprachlehrstrategien werden spielerisch in den Alltag integriert und können den Spracherwerb beschleunigen, wie z.B.:

  • korrekte Wiederholung fehlerhafter kindlicher Äußerungen

  • Einsatz offener Fragen (Wie? Was? Warum? etc.)

  • Modellierung (Umformen und Erweitern kindlicher Äußerungen)

  • Gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus herstellen (Aufmerksamkeit und Blick des Kindes und des Erwachsenen werden beispielsweise auf den gleichen Gegenstand gerichtet)

  • Systematische (gelenkte) Einführung neuer Wörter

  • Gezielte Wiederholung

  • Anregen von Dialogen

Damit Kinder mit anderen Erstsprachen, die am Beginn des Kompetenzerwerbs der deutschen Sprache stehen, möglichst leicht und einfach Deutsch lernen, gibt es manchmal die Notwendigkeit, zusätzlich eine ganzheitliche Sprachförderung in Form von erstsprachlichen BegleiterInnen anzubieten. Die Aufgabe dieser Fachpersonen ist es, durch ganzheitliche, integrative Arbeit in der Gruppe eine Kompetenzsteigerung bei Kindern nicht-deutscher Erstsprache zu erzielen, um in weiterer Folge einen erfolgreichen Erwerb der deutschen Sprache und gelingenden Übergang in die Volksschule zu erzielen. Durch die Brückenbaufunktion wird die Arbeit des pädagogischen Personals unterstützt und auch der Bildungspartnerschaft mit den Eltern besondere Bedeutung beigemessen. Wissenschaftlichen Ergebnissen zufolge begünstigt die Förderung der Erstsprache erheblich das Erlernen weiterer Sprachen (vgl. Bäck und Haberleitner 2011, S.3). Im Bildungsplan-Anteil zur sprachlichen Förderung in elementaren Bildungseinrichtungen des Charlotte-Bühler-Instituts wird das Erlernen einer Zweitsprache mit allgemein positiven Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung beschrieben und der Einsatz von mehrsprachigem Personal als gewinnbringender Beitrag zur Bildungsarbeit klar dargestellt (vgl. Bildungsplan-Anteil Sprache, S.23):

„Der Einsatz mehrsprachigen Personals in elementaren Bildungseinrichtungen entspricht einem besonders hohen Qualitätsstandard und sollte v. a. bei einem großen Anteil an Kindern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch angestrebt werden. […] Die sprachlichen Kompetenzen des mehrsprachigen Personals beziehen sich im Idealfall auf die Erstsprachen der Kinder, wodurch entsprechende Bildungsangebote auch in den Erstsprachen ermöglicht werden“ (Bildungsplan-Anteil Sprache, S.66).

Der Erwerb der Zweitsprache Deutsch erfolgt in einer bestimmten Abfolge. Empirische Studien zeigen, dass die Zeitspanne, in der Kinder die Zweitsprache Deutsch erwerben, individuell erheblich differiert (vgl. Breit, S. 30). Unter günstigen Lernumständen, wie zum Beispiel die Rücksichtnahme auf individuelle Lernstrategien, passende Rahmenbedingungen, ein reichhaltiges und differenziertes Sprachangebot sowie eine stabile emotionale Beziehung, gelingt der Erwerb erheblich schneller (vgl. Thiersch 2007, S. 14). Die mehrsprachigen BegleiterInnen bilden unter anderem durch die gemeinsame Sprache einen sicheren und vertrauten Hafen für Kinder mit nicht deutscher Muttersprache, die erst kurz in Österreich leben und können durch ihr adaptives Angebot passende Rahmenbedingungen für Lernen und Entwicklung schaffen. Neben diesen Faktoren braucht der Spracherwerb jedoch auch Zeit – man geht davon aus, dass die Aneignung der Zweitsprache fünf bis sieben Jahre bis zur muttersprachenähnlichen Beherrschung dauern kann (vgl. Sevinc 2011 o.S. zit.n. De Cillia 2011. S.5). Günstige Bedingungen können somit den Erwerb der Sprache beschleunigen, jedoch ist dieser mit Eintritt in die Schule nicht abgeschlossen.

Mehrsprachigkeit erleichtert es, Sprachenbewusstheit zu entwickeln, die als Grundlage für den Erwerb bildungssprachlicher Kompetenzen gesehen wird (vgl. Krumm 2014, S. 3). Die Teilnahme an den Angeboten, die von mehrsprachigen BegleiterInnen gesetzt werden, ist stets freiwillig, jedes Kind kann jedoch daran teilnehmen. Keines der Kinder wird angehalten, eine andere Sprache mitzulernen. Der kindliche Spracherwerb ist ein komplexer, vom Kind aktiv selbst gestalteter konstruktiver Prozess, der nur durch inneren Antrieb und Motivation herbeigeführt werden kann (vgl. MFKJKS 2014, S.5-6).

Die zusätzlichen Sprachförderkräfte, also auch die mehrsprachigen BegleiterInnen, ergänzen in Einzel- und Kleingruppenarbeiten die Bildungsarbeit der PädagogInnen zur Förderung der deutschen Sprache. Der klare Fokus liegt durch das deutschsprachige Bildungsangebot und das deutsche Sprachvorbild des pädagogischen Fachpersonals auf dem Erwerb der Sprache Deutsch.

Durch regelmäßige Kontrollen wird die Qualität der Maßnahmen sichergestellt und gegebenenfalls lenkend eingegriffen. Um auf die unterschiedlichen Bedingungen vor Ort bestmöglich eingehen zu können, nehmen Sprachförderkräfte und mehrsprachige BegleiterInnen regelmäßig an qualitätssichernden Maßnahmen teil. Durch eine Einschulung werden Sprachförderkräfte auf ihre Tätigkeiten der Deutschförderung vorbereitet. Verpflichtende und freiwillige Weiterbildungen zu unterschiedlichen Themenbereichen der Sprache sorgen für eine qualitätsvolle Sprachförderung. Zusätzlich werden Sprachförderkräfte durch die FachberaterInnen im pädagogischen Alltag fachlich unterstützt und haben auch die Möglichkeit, sich mit anderen Sprachförderkräften auszutauschen.

Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Der Bericht des Ausschusses für Bildung zum Antrag der FPÖ, EZ 2046/1 betreffend "Verfehlte Sprachförderung in steirischen Kindergärten", wird zur Kenntnis genommen.

 

 

 

Der Obmann:
LTAbg. Mag.Dr. Wolfgang Dolesch