LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 1495/1

Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT)

eingebracht am 18.06.2021, 07:37:11


Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne)
Fraktion(en): Grüne
Zuständiger Ausschuss: Bildung, Gesellschaft und Gesundheit
Regierungsmitglied(er): Landesrätin Dr. Juliane Bogner-Strauß

Betreff:
Die Situation im Bereich der Kinderbildung und -betreuung spitzt sich immer weiter zu

Die Lage im elementarpädagogischen Bereich ist anhaltend schwierig und spitzt sich im Personalbereich weiter zu. Die Steiermark hat im österreichweiten Vergleich in einigen Bereichen der elementaren Bildung vergleichsweise hohe Standards, wie bei der Vorbereitungszeit, der Leitungsfreistellung oder der Ausbildung von Kinderbetreuer*innen und Tageseltern (465 Stunden). Dennoch müssen die Rahmenbedingungen kontinuierlich und deutlich verbessert werden, um ein attraktives Umfeld zu schaffen, um den schon jetzt erheblichen Personalengpässen entgegenzutreten. Bis 2022 sollen 2.000 neue Plätze geschaffen werden, die Nachfrage nach elementarpädagogischen Fachpersonal wird erneut ansteigen.

Die im Herbst beschlossene Novelle des Steiermärkischen Anstellungserfordernisgesetzes, durch die das Qualifikationserfordernis für Pädagog*innen deutlich nach unten nivelliert wurde, kann möglicherweise kurzfristig zur Entspannung der Lage (betreffend Personalengpässe) führen, mittel- bis langfristig wird sich aber dadurch keine wesentliche Änderung einstellen, abgesehen davon, dass es von hochqualitativen Bildungseinrichtungen zu einer Verschiebung in Richtung Betreuungsstätten kommen kann.

Ähnlich verhält es sich mit der Ausbildungsoffensive im elementarpädagogischen Bereich. Das Bachelorstudium Elementarpädagogik wie auch die College-Plätze an den BAfEPs führen zwar zweifelsohne zu einer höheren Qualifizierung der Berufsgruppe, werden aber den Mangel an Arbeitskräfteangebot nicht beheben, solange die Rahmenbedingungen nicht deutlich verbessert werden (zumal der Andrang den vorliegenden Informationen zufolge überschaubar sein dürfte).

Wesentlich für eine spürbare Verbesserung der Rahmenbedingungen sind neben einem einheitlichen und wissenschaftlich fundierten Bundesrahmengesetz mit einer gesamtverantwortlichen elementarpädagogischen Bildungsdirektion, vor allem folgende Punkte:

  1. Eine Verbesserung des Personal-Kind-Schlüssels sowie
  2. eine finanzielle Attraktiverung für alle Beschäftigten im elementarpädagogischen Bereich.

Zu Punkt (1) darf angemerkt werden, dass Pädagog*innen wiederholt davon berichten, dass die Herausforderungen im Kinderdienst kontinuierlich zunehmen. So nimmt der Anteil jener Kinder zu, die auch im Kindergarten noch nicht rein sind. Grundlegende Kompetenzen wie das Halten von Stiften oder das Schneiden mit der Schere müssen erst erlernt werden. Und auch neue, durch hohen Medienkonsum verursachte Krankheitsbilder wie der Pseudo-Autismus nehmen zu. Gleichzeitig bleibt der Personalschlüssel unverändert.

Die Argumentation, in der Steiermark gäbe es einen Betreuungsschlüssel von 1:12,5 im Kindergarten, ist nur auf den ersten Blick stimmig. In der Praxis hat die pädagogische Hilfskraft eine Reihe an hauswirtschaftlichen Tätigkeiten zu erledigen und hat oft nur wenig Zeit für den Kinderdienst. Somit ist ein*e Pädagog*in oft alleine für bis zu 25 Kinder zuständig bzw., wenn die Möglichkeit zur Überschreitung der maximalen Gruppengröße genutzt wird, auch für geringfügig mehr (so wurden lt. der Kindertagesheimstatistik 2019 bis zu 28 Kinder in einer Gruppe betreut). Eine Berufsgruppenvertretung hat erhoben, dass pro Tag und Kind annäherungsweise zehn Minuten zur Verfügung stehen. Einem Artikel in den Salzburger Nachrichten vom 30. Mai 2021 zufolge ist es nicht einmal möglich, täglich mit jedem Kind in Kontakt zu treten.

Zu Punkt (2) darf angemerkt werden, dass die Bezahlung weder der zu übernehmenden Verantwortung noch den generellen Herausforderungen gerecht wird. Was es heißt, für 25 Kinder oder geringfügig mehr die Verantwortung zu übernehmen, ist nicht zuletzt - als sich 2017 ein Kind beim Rutschen verletzt hat und der Vater von der Elementarpädagogin Schadensersatz begehrte, weil die Pädagogin 21 Kinder alleine beaufsichtigte - verdeutlicht worden.

Auch die allgemeinen Herausforderungen des Berufes sind nicht zu vernachlässigen. So hinterlässt bspw. der hohe Geräuschpegel seine Spuren. Laut der Arbeiterkammer verändert sich ab 60 Dezibel der Blutdruck oder die Herzfrequenz, ab 80 Dezibel müssen Arbeitnehmer*innen einen Gehörschutz bekommen, da sonst das Gehör geschädigt werden kann. Ergebnisse einer Schallpegelmessung in Gruppenräumen hat ergeben, dass dieser durchgehend bei 70 bis 80 dB liegt, Personenmessungen mittels Dosimeter haben durchgehend 80 bis 85 dB ergeben (vgl. Brachtl). Ein Grund für das hohe Lärmlevel ist unter anderem die große Gruppengröße und der entsprechende Betreuungsschlüssel. Auch die Tatsache, dass das elementarpädagogische Personal permanent mit nicht-ergonomischen Arbeitsmitteln konfrontiert ist, hinterlässt seine Spuren. Wie ein Riese im Zwergenland ist noch eine sehr märchenhafte Beschreibung. Zweifelsohne erlebt das Personal in elementarpädagogischen Einrichtungen oft hohe Muskel-Skelett-Belastungen aufgrund niedriger Arbeitshöhen. Ein weiterer Aspekt, der zu erschwerten Arbeitsbedingungen führt, ist das hohe Infektionsgeschehen im elementarpädagogischen Bereich.

Zudem ist im internationalen Vergleich wie auch im Vergleich zu anderen Berufsgruppen der Verdienst im elementarpädagogischen Bereich niedrig. Laut dem Gehaltskompass des AMS liegt das Einstiegsgehalt für Kindergartenpädagog*innen in Österreich bei etwa EUR 1.590,-, während das Einstiegsgehalt für Lehrer*innen der Primarstufe bei rund EUR 2.060,- liegt.

Dem wiederholt vorgebrachten Argument der Kosten, die durch Umsetzung der geforderten Maßnahmen entstehen würden, darf der volkswirtschaftliche Nutzen gegenüber gestellt werden. Die sozialen und volkswirtschaftlichen Effekte hochqualitativer frühkindlicher Bildung sind hinreichend erhoben, verwiesen werden darf in diesem Zusammenhang unter anderem auf die Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung “Kosten-Nutzen-Analyse der Elementarbildungsausgaben in Österreich“ aus dem Jahr 2018 und auf die Studie der Johannes-Kepler-Universität Linz „Verstärkte Investitionen in frühkindliche Bildung: Kosten und Nutzen für Oberösterreich“ aus dem Jahr 2012. In letzterer wird festgehalten, dass „(d)irekter und indirekter Nutzen zusammen (…) in Relation zu den Kosten ein Verhältnis von 1:9,6 (ergeben). Das heißt, dass jeder investierte Euro langfristig gesehen, mindestens 9 mal zurückkommt!“ (Seite 16). Der direkte Nutzen setzt sich aus dem Nutzen für die öffentliche Hand und dem Nutzen für die Eltern zusammen. Ersteres wird durch zusätzliche Lohnsteuer- und Sozialversicherungseinnahmen durch zusätzlich beschäftigte Elternteile und Personal generiert, sowie aus den zusätzlich generierten Mehrwertsteuer-Einnahmen, die aus der zusätzlichen Kaufkraft resultieren. Zudem entsteht ein Nutzen in Form von höherer Kaufkraft für Eltern und elementarpädagogisches Personal, dass durch zusätzliche Investitionen im elementarpädagogischen Bereich in Beschäftigung gehen kann. Der indirekte Nutzen setzt sich aus den verbesserten Erwerbschancen (und damit einem höheren Erwerbseinkommen) für jene Kinder zusammen, die frühkindliche Bildung genossen haben, sowie aus den eingesparten Kosten der öffentlichen Hand im Gesundheitsbereich (höhere Bildung = höheres Gesundheitsbewusstsein) und der höheren Wertschöpfung für Unternehmen durch die zusätzlich entstandenen Einkommen.


Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Die Landesregierung wird aufgefordert,

1. unter Einbeziehung aller relevanter Stakeholder im Bereich der elementaren Kinderbildung und -betreuung eine schrittweise Verbesserung der Rahmenbedingungen zu entwickeln,

2. dabei die Finanzierung für ein verbessertes Gehaltsschema für das elementarpädagogische Personal in öffentlichen und privaten Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen zu klären, 

3. Schritte für eine Angleichung der Gehaltsschemen in die Wege zu leiten,

4. den Personalschlüssel je Gruppe in Kindergärten zu verbessern mit dem Ziel, dass letztlich eine zusätzliche Person des pädagogischen Hilfspersonals in einer Gruppe zur Verfügung steht, und

5. dem Landtag über die Fortschritte bei der Umsetzung dieser Maßnahmen einmal jährlich Bericht zu erstatten.


Unterschrift(en):
LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne)