LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 724/1

Schriftliche Anfrage an die Landesregierung oder eines ihrer Mitglieder (§ 66 GeoLT)

eingebracht am 03.09.2020, 12:15:34


Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne)
Fraktion(en): Grüne
Regierungsmitglied(er): Landesrätin Mag. Ursula Lackner
Frist: 03.11.2020

Betreff:
Mikroplastikemissionen aus der Grazer Kläranlage

Wie zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, haben kleine (< 5mm) Plastikpartikel (sogenanntes Mikroplastik, in Folge als MP abgekürzt) bereits sämtliche Ökosysteme der Erde kontaminiert, wo sie in Wechselwirkung mit unterschiedlichsten Organismen (von einzelligen Algen bis zu Walen) treten und für selbige ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellen können (Bhattacharya et al. 2010; de Stephanis et al. 2013). Lag der diesbezügliche Forschungsfokus lange auf den Weltmeeren (Andrady, 2011), häufen sich nunmehr Artikel über gravierende MP-Dichten in Fließgewässern (Dris et al., 2015; Faure et al., 2015; Jiang et al., 2019). Bis zu 2,3 Millionen Tonnen der kleinen Plastikteile werden jedes Jahr von den Flüssen in die Ozeane gespült (Schmidt et al., 2017).

Als wesentliche Eintragsquellen von MP in Fließgewässer wurden Kläranlagen identifiziert (Mani et al. 2015). In Kläranlagen fließen unterschiedliche Abwässer zusammen, die erwiesenermaßen hohe Plastikfrachten mitführen. Kommunale Abwässer transportieren beispielsweise MP aus Kosmetik- und Reinigungsprodukten (pro Kopf werden täglich bis zu 200 mg MP über Haushaltsrohre entlassen; Gouin et al. 2011; Napper et al. 2015) sowie Textilien (pro Waschgang werden aus einer Fleece-Jacke bis zu 1900 MP-Fasern herausgelöst; Browne et al., 2011), während Straßenabwässer mit feinem Gummiabrieb (von Autoreifen; Ballent et al. 2016) und MP-Farbpartikeln (von Straßenmarkierungen; Horton et al. 2017) versetzt sind. In modernen Kläranlagen erfolgt die Abwasserreinigung üblicherweise in einem drei-stufigen Prozess (primär, sekundär, tertiär), wobei die MP-Dichten im behandelten Wasser sukzessive abnehmen (Mintenig et al. 2017). Aufgrund von individuellen Reinigungs- und Wasseraufbereitungsmethoden (innerhalb der drei Stufen) gibt es aber trotzdem große Unterschiede in der MP-Reinigungseffizienz einzelner Kläranlagen, weshalb auch die schlussendlich in die Vorfluter eingebrachten MP-Mengen beachtlich sein können (die zentrale Kläranlage von Ljubljana emittiert z.B. täglich 1 kg MP in den Fluss Ljubljanica, in welchem folglich 21 Partikel/m³ treiben; Kalčíková et al. 2017)

Aber auch das in den Kläranlagen zurückgehaltene MP kann schließlich noch in die Umwelt gelangen: Klärschlamm (= der fest-flüssige Abfall der Kläranlage), welcher hohe MP-Dichten aufweisen kann (Li et al. 2018), wird oftmals als Dünger auf landwirtschaftlichen Flächen verteilt. Es wird geschätzt, dass auf diese Weise zwischen 125 und 850 Tonnen MP pro Million Einwohner jährlich auf europäischen Agrarflächen landen (Nizzetto et al. 2016). Neben der Kontaminierung der Böden, kann das Plastik bei Niederschlagsereignissen auch wieder in Fließgewässer gespült werden.

Gemäß der im Internet abrufbaren Informationen, gelangen von der Grazer Kläranlage täglich 70.000 -75.000 m³ (bei Niederschlag bis zu 140.000 m³) gereinigtes Abwasser in die Mur, wobei etwa 700 m³ Klärschlamm anfallen. Daten über die MP-Reinigungseffizienz der Kläranlage sowie die MP-Belastung der tertiären Abwässer (die in die Mur eingeleitet werden) und des Klärschlammes sind aber nicht öffentlich verfügbar.


Es wird daher folgende

Schriftliche Anfrage

gestellt:

  1. Gibt es Untersuchungen/Abschätzungen über die Mikroplastik-Mengen, die auf täglicher und jährlicher Basis über kommunale und industrielle Abwässer in die Grazer Kläranlage gelangen? Falls ja, wie lauten die Resultate?
  2. Gibt es Untersuchungen/Abschätzungen über die Mikroplastik-Mengen, die auf täglicher und jährlicher Basis über die gereinigten Abwässer der Kläranlage in die Mur gelangen? Falls ja, wie lauten die Resultate?
  3. Wie hoch ist die Mikroplastik-Reinigungseffizienz der Grazer Kläranlage? Ist die Anlage mit einem Mikroplastikpartikelfilter ausgestattet?
  4. Wurde der Klärschlamm der Grazer Kläranlage bereits auf eine Kontamination mit Mikroplastik untersucht? Falls ja, was sind die Resultate? Falls nein, warum nicht?
  5. Wird der Klärschlamm aus der Grazer Kläranlage als Dünger auf landwirtschaftlichen Flächen eingesetzt? Falls ja, wo und in welchen Mengen?
  6. Plant die Landesregierung Mikroplastik-Untersuchungen an steirischen Kläranlagen und (größeren) Gewässern durchzuführen? Falls ja, was genau ist geplant? Falls nein, warum nicht?

Unterschrift(en):
LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne), LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne)