LANDTAG STEIERMARK
XVII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 1038/1

Schriftliche Anfrage an die Landesregierung oder eines ihrer Mitglieder (§ 66 GeoLT)

eingebracht am 26.07.2016, 17:54:04


Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Claudia Klimt-Weithaler (KPÖ), LTAbg. Dr. Werner Murgg (KPÖ), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Christian Cramer (FPÖ)
Fraktion(en): KPÖ, Grüne, FPÖ
Regierungsmitglied(er): Landesrätin Mag. Doris Kampus
Frist: 26.09.2016

Betreff:
Interdisziplinäre Frühförderung und Familienbegleitung (IFF)

Im Bereich der Frühförderung nimmt das Land Steiermark eine Vorreiter-Rolle ein. Das Modell der interdisziplinären Frühförderung und Familienbegleitung wurde Mitte der 80er-Jahre vom SHFI auf Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem Land Steiermark entwickelt und in Folge den jeweiligen Anforderungen entsprechend adaptiert. Es ist mittlerweile ein europaweit anerkanntes Modell zur Entwicklungsförderung behinderter, entwicklungsverzögerter und verhaltensauffälliger Kinder in Verbindung mit einer professionellen Begleitung und Unterstützung der Eltern.

Im Rahmen des Steirischen Behindertengesetzes (StBHG) ist die Frühförderung der erste mobile Dienst einer Angebotskette und wird bei Bedarf bereits ab der Geburt eingesetzt. Die mobile Betreuung, insbesondere Frühförderung zu Hause in der Familie, hat den Vorteil, dass die Eltern und das soziale Umfeld des behinderten Kindes bewusst und nachhaltig in den Förderprozess mit einbezogen werden.

Dienstleistungen im Bereich des BHG werden in der Steiermark vorwiegend von gemeinnützigen Trägern angeboten. Nach den bisherigen Erfahrungswerten führen Ausschreibungen mittelfristig zu einer Konzentration auf einige wenige große, überregionale Anbieter; langfristig kommen über die Vergabe immer mehr gewinnorientierte Player in den Markt.

Große, überregional bzw. auch international tätige Anbieter haben weniger Druck, ihr Angebot auf die spezifischen Bedürfnisse der Anspruchsberechtigten auszurichten. Das ist vor allem deshalb der Fall, weil die Anspruchsberechtigten das wichtigste Kriterium verlieren, das sie zu KundInnen und selbständigen NutzerInnen macht: die Wahlmöglichkeit und das Recht, aus dem vorhanden Angebot das für sie passendste zu wählen.

In der Folge bedeutet dies, dass die Anspruchsberechtigten kein „Machtmittel“ in der Hand haben. Sie müssen das Angebot bei jenem Anbieter in Anspruch nehmen, der die Ausschreibung gewonnen hat, auch wenn sie nicht hundertprozentig zufrieden sind.

Damit gute Förderarbeit gelingen kann, ist ein solider Beziehungsaufbau mit dem Kind und der Familie notwendig.

In der Leistungs-und Entgeltverordnung ist festgehalten, dass eine Frühförderung ab Geburt und bis 3 Monate nach Schuleintritt erfolgen kann. Vergabezeiträume von drei bis fünf Jahren korrespondieren daher zwar an sich mit einem Zyklus in der Frühförderung von drei bis fünf Jahren; der jeweilige Anfangszeitpunkt einer Betreuung erfolgt aber nicht in dieser zyklischen Form.

Vergabe durch Ausschreibung hat zur Folge, dass weder die Familie noch die/der in der Familie tätige FrühförderIn von einem längerfristigen, stabilen Arbeitsverhältnis ausgehen kann. Jede/r neue FrühförderIn im familiären System benötigt Zeit und Ressourcen, um sich fachlich gut auf die individuelle Situation auszurichten. Der sich daraus ergebende „Leerlauf“ im Förderprozess beeinträchtigt die Effizienz der Frühförderung.


Es wird daher folgende

Schriftliche Anfrage

gestellt:

  1. Werden über den Bedarfs- und Entwicklungsplan auch Daten explizit zur Interdisziplinären Frühförderung und Familienbegleitung (IFF-BHG) erhoben?
  2. Wie viele Kinder haben in den Jahren 2013 / 2014 / 2015 jeweils IFF nach dem StBHG erhalten?
  3. Wie viele und welche Träger (namentliche Nennung) haben eine Vereinbarung für die Leistung IFF-BHG / einen Leistungsvertrag für die IFF-BHG?
  4. Wie verteilen sich die Frühförderfälle (Anzahl der KlientInnen) und die Gesamtsumme der geleisteten Einheiten (pro Träger) im Jahr 2015 und im ersten Halbjahr 2016 (bis einschließlich 30.6.2016)?
  5. Welche Datengrundlage wird verwendet?
  6. Wie erfolgt die Verknüpfung mit den von den Trägern eingegebenen WIPS-Daten (Seitens der Trägereinrichtungen werden monatliche Eingaben in der WIPS Datenbank des Landes Steiermark durchgeführt)?
  7. Wie will die Landesregierung in Zukunft sicherstellen, dass die Spezialisierungen zu unterschiedlichen Behinderungen, wie z.B. Autismus, Down Syndrom, ADHS, Sensorische Integrationsstörung u.a., auch weiterhin gewährleistet sind und von den KlientInnen in Anspruch genommen werden können (Die Effizienz und Qualität einer Hilfe ist sehr von den fachlichen Qualifikationen der MitarbeiterInnen einer Frühförderstelle abhängig.)?
  8. Wird über den Bedarfs- und Entwicklungsplan auch der Bedarf an Spezialisierungen (Autismus, Down Syndrom, ADHS, Sensorische Integration u.a.) für den Bereich IFF-BHG erfragt bzw. erhoben
  9. Wie stellt das Land sicher, dass behinderte, verhaltensauffällige oder entwicklungsverzögerte Kinder auch in Zukunft explizit diesen Dienst erhalten und kein anderer, ähnlicher Dienst (wie z.B. FED, Mikado Tagesmutter, Frühe Hilfen…) statt IFF-BHG eingesetzt wird (Damit Kinder mit einer Behinderung, einer Verhaltensauffälligkeit oder einer Entwicklungsverzögerung IFF-BHG erhalten, bedarf es einer fachärztlichen Diagnose und einer konkreten Empfehlung für diesen Dienst nach der LEVO.)?
  10. Wie garantiert die Landesregierung den KlientInnen, dass sie den Dienst der IFF-BHG auch in Zukunft flächendeckend mit entsprechender Qualität und auf die in Punkt 7 hingewiesenen Spezialisierungen weiterhin in Anspruch nehmen können (Es ist nachweisbar, dass die IFF-DVO in der Kinder- und Jugendhilfe in jenen Bezirken, in denen eine Ausschreibung und Vergabe zum Zweck der Umstrukturierung der KJH (Flexible Hilfen) bereits durchgeführt wurde, kaum mehr beauftragt wird.)?
  11. Welchen Standpunkt nimmt das Land dazu ein (Es gibt ein Positionspapier, aus dem klar hervor geht, dass Vergabe durch Ausschreibung negative Konsequenzen hat.)?
  12. Welche Schritte werden seitens des Landes gesetzt, dass es in diesem Bereich nicht zur Vergabe durch Ausschreibung kommt?

 


Unterschrift(en):
LTAbg. Claudia Klimt-Weithaler (KPÖ), LTAbg. Dr. Werner Murgg (KPÖ), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Christian Cramer (FPÖ)