LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


TOP 12

EZ/OZ 671/5

Schriftlicher Bericht

Ausschuss: Bildung, Gesellschaft und Gesundheit

Betreff:
Schwimmkurs-Offensive für Schul- und Kindergartenkinder

 

zu:
EZ 671/1, Schwimmkurs-Offensive für Schul- und Kindergartenkinder (Selbstständiger Antrag von Abgeordneten (§ 21 GeoLT))

 

Der Ausschuss "Bildung, Gesellschaft und Gesundheit" hat in seiner Sitzung am Dienstag, dem 12.01.2021 über den oben angeführten Gegenstand die Beratungen durchgeführt.

Mit Beschluss des Ausschusses für Bildung, Gesellschaft und Gesundheit vom 15.09.2020 wurde die Steiermärkische Landesregierung ersucht, eine Stellungnahme zum Antrag der FPÖ „Schwimmkurs-Offensive für Schul- und Kindergartenkinder“, Einl.Zahl 671/1, abzugeben.

Aufgrund dieses Beschlusses erstattet die Steiermärkische Landesregierung folgende Stellungnahme:

Allgemein bildende Pflichtschulen

Derzeit werden in Graz durch die Aktion Fisch die 3. und 4. Klassen der öffentlichen Grazer Volkschulen erfasst, d.h. jährlich ca. 200 Schulklassen, 4200 Kinder an 38 Schulen mit fünf Schwimmstunden pro Jahr und Klasse. Es werden also ca. 1000 Lehreinheiten pro Jahr geleistet.

Von 2009 bis 2019 wurden ca. 10.000 Schwimmstunden allein durch die Aktion Fisch abgehalten, dabei ca. 42.000 Kinder betreut.

Als Evaluierungsmöglichkeit zur Erreichung der Kompetenzen im Schwimmunterricht können außerdem die erfolgten Schwimmabzeichen herangezogen werden. Die Zusammenarbeit des ÖJRK mit den Lehrerinnen/Lehrern in den Bezirken läuft in der Steiermark ausgezeichnet.

Laut der Statistik 2018/2019 des ÖJRK-Jugendrotkreuz Steiermark wurden in der Steiermark nach Wien und Niederösterreich in absoluten Zahlen gemessen die meisten Schwimmabzeichen (10.885) abgelegt. Besonders erfreulich ist im Vergleich die hohe Anzahl bei den Schwimmabzeichen Früh- und Freischwimmer, die die Volksschullaufbahn sehr gut abbilden. Gemessen an der Gesamtpopulation der 5-9-Jährigen erreicht die Steiermark einen guten Wert im Bundesländervergleich. Die Zahl wird natürlich durch das Vorhandensein der Infrastruktur (Hallenbad, Freibad) beeinflusst.

Die Gesamtsituation zur Schwimmkompetenz stellt sich folgendermaßen dar (www.ifes.at, zur Schwimmkompetenz der Österreicher/innen, KFV):

5% der Eltern von Kindern unter 5 Jahren schätzen die Schwimmkenntnisse ihrer Kinder als (sehr) sicher ein. Das durchschnittliche Alter, mit dem Kinder schwimmen lernen, liegt bei 5 Jahren. Ab einem Alter von 4 Jahren können sich die Kleinen zwar häufig über Wasser halten, die motorischen Fähigkeiten für richtiges Schwimmen entwickeln Kinder aber erst im 5 bis 6. Lebensjahr. Nicht selten überschätzen Eltern damit das Können ihrer Kinder.

Die Einbeziehung des Schwimmens in den Unterricht aus Leibesübungen ist in allen Lehrplänen für alle Schulstufen verankert.

Wegen der lebenserhaltenden und lebensrettenden Funktion des Schwimmens muss es Ziel des Unterrichtes sein, jeder Schulabgängerin/jedem Schulabgänger zumindest eine grundlegende Schwimmfertigkeit zu vermitteln. Über die Schulzeit hinaus ist ein ausreichendes Schwimmkönnen für die Freizeitgestaltung und damit für die Erhaltung der Gesundheit und manchmal auch für die Berufsausübung von Bedeutung.

Es kann allerdings auch vorkommen, dass auf Grund der örtlichen Gegebenheiten (kein Schwimmbad in der Nähe) der Schwimmkurs nicht abgehalten werden kann.

Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen

Die Einführung eines verpflichtenden Schwimmkurses im letzten Kinderbetreuungsjahr würde wohl jedenfalls bedeuten, dass das Land die Kosten tragen muss. Wenn man die Kosten pro Kind mit nur 100.- Euro annimmt, wäre das eine gute Million Euro jährlich. Wenn man die Transportkosten und die Kosten für das zusätzliche Aufsichtspersonal mitrechnet, würde sich dieser Betrag vermutlich vervielfachen. Dazu käme weiters ein beachtlicher Verwaltungsaufwand. Unklar ist auch, ob solche Kurse in diesem Umfang überhaupt organisierbar sind. Bei den Pädagoginnen/Pädagogen dürfte eine solche Verpflichtung und der damit verbundene Mehraufwand und die enorme Verantwortung vermutlich auf deutlichen Widerstand stoßen. Auch sonst scheint fraglich, ob eine derart weit in den Persönlichkeitsbereich reichende Verpflichtung so einfach umsetzbar wäre bzw. überhaupt von der Regelungskompetenz „Kindergartenwesen“ mitumfasst ist. Wenn doch, müssten diese Kurse wohl im Detail geregelt werden (Umfang, Inhalte, Aufsicht, Gruppengrößen, Qualifikationen, Transport…). Fraglich wäre auch, wer überhaupt Normadressat einer Verpflichtung wäre - die Erhalterin/der Erhalter betreffend Angebot oder die Eltern betreffend die Teilnahme der Kinder - und wie die Nichtbefolgung sanktioniert werden sollte. Man bräuchte auch Befreiungsgründe, die womöglich mittels Bescheidverfahren zu genehmigen wären.

Aus pädagogischer Sicht ist dazu Folgendes festzuhalten:

Das Setzen von Maßnahmen zum Schwimmen lernen bzw. die Durchführung von Schwimmkursen ist nicht direkter Bildungsauftrag elementarer Bildungseinrichtungen. Zwar wird im „bundesländerübergreifenden BildungsRahmenPlan“ der Bereich „Bewegung und Gesundheit“ als ein wesentlicher Bildungsbereich geführt, dessen Schwerpunkt liegt aber darin, Kindern vielfältige Bewegungsanlässe und Bewegungsangebote im Bildungsalltag der Einrichtung anzubieten und ein allgemeines Gesundheitsbewusstsein zu fördern. Dazu zählt natürlich, das Element „Wasser“ als lebensnotwendig schätzen zu lernen, gleichzeitig aber auch eine Sensibilisierung für Gefahren, die damit einhergehen – sofern ein Bezug zur aktuellen Lebenswelt bei den Kindern besteht, z.B. im Sommer bei Erzählungen der Kinder über Badeerlebnisse, wenn Wasserlachen, Bäche, in der Umgebung der Kinder entdeckt werden, etc.

Des Weiteren ist anzumerken, dass beim Schwimmen und Baden mit Kindergruppen gefährliche Situationen entstehen können und dementsprechend eine ausreichende Anzahl an Begleitpersonen die Aufsicht sicherstellen müsste. Im Idealfall wäre ein Betreuungsverhältnis von 1:1 vorhanden und eine zusätzliche rettungsfähige Person, die nicht in den pädagogischen Prozess eingebunden ist oder Aufgaben wahrnimmt, die sie vom Geschehen im Becken ablenken z.B. ein Kind zur Toilette begleiten (vgl. Leitfaden für sicheres und praxisorientiertes Schwimmen und Baden mit Kita-Kindern. Unfallkasse Nord, 2013). Die Übernahme der Verantwortung, die durch die erhöhte Aufsichtspflicht in einem Schwimmbad erforderlich ist, kann nicht verpflichtend auf Pädagoginnen/Pädagogen übertragen werden. Besondere Beachtung erfordern in diesem Zusammenhang auch gesundheitlich beeinträchtigte Kinder (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Epilepsie, Trommelfellschädigungen, Erkältungen etc.).

Während des Schwimmbadbesuchs benötigen Pädagoginnen/Pädagogen zudem der Aufgabe entsprechend hinreichende Kompetenzen (Rettungs- und Präventionsfähigkeit), die nicht zwangsläufig durch die Tätigkeit in der elementaren Bildungseinrichtung oder in der Ausbildung erworben wurden. Im Schwimmbad kann auch für erfahrene Pädagoginnen/Pädagogen nicht immer leicht erkennbar sein, wann mehrere Umstände zusammenkommen, die einen Schwimmunfall begünstigen und verursachen können.

Die Bedeutung einer angstfreien, spielerischen Wassergewöhnung von Kindern als Grundstein für den späteren sicheren Umgang mit dem Wasser und das „Schwimmen lernen“ als Schutz vor Ertrinkungsunfällen ist unumstritten. Dennoch handelt es sich hierbei um eine Aufgabe und Entscheidung der Eltern/Erziehungsberechtigten und nicht um einen Bildungsauftrag elementarer Bildungseinrichtungen.

Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Der Bericht des Ausschusses für Bildung, Gesellschaft und Gesundheit zum Antrag EZ 671/1, "Schwimmkurs-Offensive für Schul- und Kindergartenkinder" der Abgeordneten der FPÖ wird zur Kenntnis genommen.

 

 

Die Obfrau:
LTAbg. Barbara Riener