LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 1299/1

Regierungsvorlage

eingebracht am 08.04.2021, 12:13:55


Geschäftszahl(en): ABT08-34873/2020-13
Zuständiger Ausschuss: Bildung, Gesellschaft und Gesundheit
Regierungsmitglied(er): Landesrätin Dr. Juliane Bogner-Strauß
Beilagen: Abschlussbericht

Betreff:
Beschluss Nr. 10 des Landtages Steiermark vom 21.01.2020 betreffend Evaluierung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes

Der Landtag Steiermark hat am 21.01.2020 folgenden Beschluss gefasst:

Die Landesregierung wird aufgefordert, den ärztlichen Bereitschaftsdienst ein Jahr nach Einführung zu evaluieren und diese Evaluierung dem Landtag vorzulegen.

Aufgrund dieses Beschlusses berichtet die Steiermärkische Landesregierung wie folgt:

In Erfüllung dieses Beschlusses wird der Abschlussbericht betreffend „Gesundheitstelefon 1450 und der neue ärztliche Bereitschaftsdienst in der Steiermark, Evaluierung der ersten zwölf Monate der Umsetzung nach Neukonzeption“ vorgelegt und zusammenfassend ausgeführt wie folgt:

Gesundheitstelefon 1450

Die Anruferzahlen bei 1450 haben seit Mitte September 2020 sehr stark zugenommen. Die technische Ausstattung und die Personalkapazitäten wurden seit Juli 2020 deutlich erhöht. Erweiterte Räumlichkeiten in einer Container-Büro-Einheit wurden auf dem Parkplatz des Österreichischen Roten Kreuzes, Landesverband Steiermark eingerichtet und Assistenzpersonal („Call-Taker“) zur Organisation der COVID-19-Maßnahmen beschäftigt. Eine Telefonweiche wurde eingerichtet, um die Wartezeiten für COVID-19-Patientinnen und -Patienten von den anderen Anruferinnen sowie Anrufern mit Bedarf nach Gesundheitsberatung zu trennen. Zusätzlich wird auch seit September 2020 ein kinderärztlicher Telefon-Beratungsdienst angeboten.

Die Evaluierung der EPIG GmbH – Entwicklungs- und Planungsinstitut für Gesundheit hat folgende Erkenntnisse und Empfehlungen ergeben:

Verbesserung der Warte- und Reaktionszeiten für Anruferinnen und Anrufer

Die vertragliche Vorgabe für die Abhebezeit konnte durch die Betreiberin des Gesundheitstelefons nicht erfüllt werden. Während der COVID-19-Intensivphase (März bis Mai 2020 und seit September 2020) stieg die Wartezeit signifikant an und erreichte sehr hohe Dauern. Deswegen wird seit Juli 2020 verstärkt der Einsatz von Assistenzpersonal („Call-Taker“) betrieben.

Die Vorgabe des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, wonach 80 % aller Anrufe innerhalb von 20 Sekunden abgehoben werden sollten, konnte bisher in keinem Monat erreicht werden.

Bei etwa einem Drittel aller Anrufe haben Anruferinnen und Anrufer aufgelegt oder wurde der Anruf aus technischen Gründen beendet, bevor eine Mitarbeiterin bzw ein Mitarbeiter des Gesundheits-telefons abheben konnte.

Empfehlung: Die Optimierung der Personalkapazität und der Produktivität im Call Center ist erforderlich.

Erhöhung des Anteils der Telefon-Beratungen

Von insgesamt 103.817 durchgeführten Gesprächen über das Gesundheitstelefon binnen Jahresfrist nach Einführung führten 20.962 Anrufe zu einem ausführlichen und standardisierten Beratungsgespräch mit speziell geschultem diplomiertem Pflegepersonal unter Verwendung eines evidenzbasierten Abfrageschemas. Dies entspricht 20,2 % aller abgehobenen Anrufe.

An Wochentagen von Montag bis Donnerstag werden durchschnittlich knapp 31 bis 35 Beratungen pro 24 Stunden eines Tages durchgeführt, an Freitagen 39 und an Wochenendtagen und Feiertagen 102 bis 103 pro Tag. Die durchschnittliche Dauer der ausführlichen Beratungsgespräche beträgt 26 bis 32 Minuten, der Median liegt insgesamt bei 11,6 Minuten. Die Dauer sank im Durchschnitt auf 23 Minuten.

Die Anzahl der Beratungsgespräche liegt in der Steiermark bei 12 bis 18 pro 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner (EW). Dies ist sehr gering im Vergleich zu Vorarlberg und Niederösterreich, in denen das Gesundheitstelefon auch schon länger in Betrieb ist. Dort liegt der Wert zwischen 25 und 40 Beratungsgesprächen je 10.000 EW und steigt in den Wintermonaten auf bis zu 57 Beratungsgesprächen je 10.000 EW. Durch die Dominanz der COVID-19-Anrufe hat sich seit Mitte März 2020 der Anteil der Beratungsgespräche weiter reduziert.

Empfehlung: Eine bessere Differenzierung zwischen Informationsbedarf sowie Beratungsbedarf und dadurch eine Erhöhung des Beratungsanteils wird empfohlen

Bereitschaftsdienst (inkl. Ordinations- und Visitendienste)

Seit der Einführung des neuen Systems im April 2019 hat sich die Auslastung stufenweise verbessert. Insbesondere während der Intensivphase der COVID-19-Pandemie im zweiten Quartal 2020 konnten sehr hohe Auslastungen erzielt werden. Die seit Juli 2019 buchbaren Ordinationsdienste weisen 2020 mit 96 % eine fast vollständige Auslastung (ausgenommen Region Knittelfeld) auf. Die Auslastung der Visitendienste variiert sehr stark zwischen den Regionen. Insbesondere im Aichfeld, im Mürztal und in der Oststeiermark sind sehr geringe Auslastungen zu verzeichnen.

Die Evaluierung der EPIG GmbH – Entwicklungs- und Planungsinstitut für Gesundheit hat folgende Erkenntnisse und Empfehlungen ergeben:

Erhöhte Einsatzanzahl im Bereitschaftsdienst pro registrierter Ärztin bzw pro registriertem Arzt

Von den 470 registrierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Bereitschaftsdienst leisten 366 mindestens einen Dienst pro Jahr und nur 10 % sind im vergleichbaren Umfang (über 40 Dienste pro Jahr) wie vor 2019 tätig. Der Anteil der Kassenärztinnen und -ärzte ist mit etwa 60 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am höchsten, jener der Wahlärztinnen und -ärzte oder Wohnsitzärztinnen und -ärzte beträgt 20 %, während 15 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem Angestelltenverhältnis stehen und zusätzlich im Bereitschaftsdienst arbeiten. Der Anteil der Kassenärztinnen und -ärzte an den tatsächlich geleisteten Diensten liegt deutlich unter 50 %. Die Erhöhung der Einsatzzahl pro Ärztin bzw Arzt soll mittels einer Adaptierung der Anforderungen für den Erhalt einer Blaulicht-Genehmigung und durch Anreize erfolgen.

Empfehlung: Erhöhte persönliche Ansprache der Kassenärztinnen und -ärzte zu regelmäßigerer Dienstbesetzung

Verbesserte Besetzung der Visitendienste (ausgewählte Regionen)

Im Vergleich zum Vorgänger-System bis März 2019 ist die Auslastung an den Wochenenden gesunken und an den Werktagen (Montag-Freitag) gestiegen. An den Wochentagen konnten 2020 79 % aller Dienste besetzt werden, an den Wochenenden und Feiertagen waren es 62 % aller Dienste, die gebucht wurden.

In elf Sprengeln konnten mehr als 90 % aller Dienste besetzt werden, in weiteren sieben Sprengeln konnten mehr als 70 % aller Dienste besetzt werden. In sieben Sprengeln gibt es erhebliche Besetzungsprobleme mit nur 50 % Besetzungen oder weniger. Am schlechtesten schneiden dabei die Regionen Aichfeld, oberes Mürztal und Oststeiermark (Hartberg-Nord bis Feldbach), konkret die Regionen Nr. 5, 7, 10 und 11, 13, 23 und 25 ab, alle anderen liefern ausreichende Besetzungsraten.

Empfehlung: Erhöhter Organisationsaufwand (Nachtelefonieren) zur Besetzung fehlender Dienste

Die GVG Gesundheitsversorgungs-GmbH (GVG) erwägt dazu auch die Einführung des Telearzt-Einsatzes zur verbesserten Versorgung.

Erhöhte Produktivität der Visitenärztinnen und -ärzte

Die meiste Zeit verbringen Visitenärztinnen und -ärzte mit dem Warten auf einen Einsatz. Innerhalb der ersten zwölf Monate wurden pro Dienst durchschnittlich zwischen 0,6 und 2,1 Visiten (Stadt Graz), meist mit kurzen Wegstrecken, durchgeführt. Nur im Mariazeller Land mit 0,1 und in der Region „Eisenwurzen“ (Eisenerz-Landl) mit 0,3 Visiten je Dienst lagen die Werte niedriger. Bei den Abenddiensten ab 18.00 Uhr sind diese Werte noch deutlich geringer.

Die monatliche Visitenzahl lag zu Beginn bei ca. 1.400 pro Monat, sank ab Juli 2019 auf ca. 1.000 pro Monat ab und stieg seit November 2019 kontinuierlich an, um im März 2020 über 2.000 Visiten zu erreichen und seither wieder zu sinken.

An einem durchschnittlichen Wochentag werden Steiermark weit zwischen 15 und 19 Visiten disponiert, erst im ersten Quartal 2020 stieg die Zahl deutlich auf 29 an, was jedenfalls die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zeigt. Am Wochenende und an Feiertagen wurden durchschnittlich 70 bis 93 Visiten pro Tag (verteilt über den ganzen Tag) disponiert.

In Regionen außerhalb von Graz waren im ersten Quartal 2020 durchschnittlich 11,3 km (Median 9,2 km) auf dem Weg zu einer Visite zurückzulegen. Bei 75 % der Visiten waren es weniger als 17,2 km und bei 25 % der Visiten 3,3 km oder weniger. Die längste Wegstrecke (Hinfahrt) betrug in Regionen außerhalb von Graz 58,3 km. Die seitens der Ärztekammer Steiermark genannten hohen Fahrleistungen sind nur sehr selten zu beobachten und ein Fahrdienst erscheint nicht erforderlich. Es besteht ein Spannungsfeld zwischen Größe der Region, Anzahl der zu tätigen Visiten und Produktivität der Ärztinnen sowie Ärzte.

Empfehlungen:

  • Verbesserte Bedarfsbewertung und Disponierung von Visiten (z.B. nach Beratungsgespräch);
  • Entsendungsmöglichkeit teilnehmender Ärztinnen und Ärzte in benachbarte, nicht gebuchte Regionen.

Die GVG erwägt dazu Kooperationsmodelle mit dem Österreichischen Roten Kreuz, Landesverband Steiermark und Verhandlungen mit der Ärztekammer Steiermark über eine Anpassung des Bereitschaftsdienst-Systems.

 

Beschluss der Steiermärkischen Landesregierung vom 08. April 2021.


Es wird daher der

Antrag

gestellt:

Der Landtag wolle beschließen:

Der Bericht der Steiermärkischen Landesregierung zum Beschluss Nr. 10 des Landtages Steiermark vom 21.01.2020 betreffend Evaluierung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes wird zur Kenntnis genommen.