LANDTAG STEIERMARK
XVIII. GESETZGEBUNGSPERIODE


EZ/OZ: 661/2

Schriftliche Anfragebeantwortung (§ 66 GeoLT)

eingebracht am 10.09.2020, 14:33:11


Zu:
661/1 Antibiotika in der Landwirtschaft
(Schriftliche Anfrage an die Landesregierung oder eines ihrer Mitglieder (§ 66 GeoLT))

Landtagsabgeordnete(r): LTAbg. Georg Schwarzl (Grüne), LTAbg. Mag. Alexander Pinter (Grüne), LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck (Grüne), LTAbg. Sandra Krautwaschl (Grüne), LTAbg. Lambert Schönleitner (Grüne), LTAbg. Veronika Nitsche, MBA (Grüne)
Regierungsmitglied(er): Landesrat Johann Seitinger
Beilagen: 661_Antibiotika in der Landwirtschaft.pdf

Betreff:
Antibiotika in der Landwirtschaft

Die Anfrage vom 10.07.2020, Einl.Zahl 661/1 der Abgeordneten LTAbg. Mag. Alexander Pinter, LTAbg. Georg Schwarzl, LTAbg. Sandra Krautwaschl, LTAbg. Lambert Schönleitner, LTAbg. Dipl.-Ing.(FH) Lara Köck und LTAbg. Veronika Nitsche, MBA betreffend "Antibiotika in der Landwirtschaft" beantworte ich wie folgt:

Ad 1

Die Veterinär-Antibiotika-Mengenströme-Verordnung des Bundesministers für Gesundheit hat zum Ziel, einen Überblick über den Einsatz antibiotisch wirksamer Substanzen im Zeitverlauf zu ermöglichen. Leider müssen nach den Vorgaben der Veterinär-Antibiotika-Mengenströme-Verordnung derzeit nur die an Halter von landwirtschaftlichen Nutztieren und nicht die an Halter von Pferden oder Heimtieren abgegebenen Antibiotikamengen gemeldet werden. Auch die durch Tierärzte und Tierhalter an den Tieren tatsächlich angewendeten Antibiotikamengen werden nicht erfasst. Dies erschwert Rückschlüsse auf die Rolle des Antibiotikaeinsatzes bei der Entstehung und Ausbreitung von Resistenzen.

Ad 2:

Der im Jahr 2018 vor allem im Bereich der Schweinehaltung gestiegene Antibiotikaeinsatz ist wahrscheinlich auf die seit diesem Jahr vermehrt auftretenden Probleme mit einer ansteckenden Erkrankung der Schweine (PRRS = Porzines Reproduktives und Respiratorisches Syndrom) zurückzuführen. Tierarzneimittelkontrollen werden stichprobenartig laufend durchgeführt, Betriebe mit höherem Antibiotikaeinsatz werden dabei priorisiert.

Ad 3:

Aus der angeschlossenen Tabelle sind die gemäß Antibiotika-Mengenströme-Verordnung von Tierärztinnen und Tierärzten für die Jahre 2015-2018 gemeldeten Antibiotika-Abgabemengen ersichtlich. Für das Jahr 2019 liegt von der AGES noch keine detaillierte Aufstellung nach Wirkstoffgruppen vor. Die Gesamtmenge an abgegebenen Antibiotika hat sich 2019 jedoch mit 9.190,7kg gegenüber dem Jahr 2018 um 12 % verringert.

 

Wirkstoffgruppe

2015

2016

2017

2018

1.+2.-Generation Cephalosporine

3,1

2,7

3,3

4,4

3.+4.-Generation Cephalosporine

25,3

26,6

27,6

28

Aminoglykoside

117,8

79,4

74,2

72

Amphenikole

19,9

20,8

23,4

26,4

andere Antibiotika

184,3

114,5

65,1

35,6

Beta-laktamase resistente Penicilline

64,2

60,4

58,6

62

Beta-laktamase sensitive Penicilline

132,7

149,6

147,6

150,8

Fluorchinolone

38

36,5

32,8

37,4

Lincosamide

120,9

78,1

46,8

11,7

Makrolide

474,3

491,8

526,8

732,3

Penicilline mit erweitertem Spektrum

1430,8

1304

1226,4

1263,8

Pleuromutiline

54,3

49,8

26,7

73,6

Polymyxine

248,8

281,4

263,3

289,3

Sulfonamide

699,9

455,2

560,6

729,8

Tetrazykline

6831,7

6886

6199,1

6803,1

Trimethoprim und Derivative

98,6

85,8

111,5

145,4

GESAMT

10544,6

10122,6

9393,8

10465,6

Tabelle 1: In der Steiermark abgegebene Antibiotika-Abgabemengen in kg, 2015-2018

Ad 4:

Der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft ist notwendig, um Infektionskrankheiten von Tieren zu bekämpfen. Am wirkungsvollsten gelingt eine Minimierung des Antibiotikaeinsatzes durch Maßnahmen zur Verhinderung der Einschleppung von Infektionskrankheiten in die Tierbestände. Tierhalter sind daher gefordert, entsprechende Biosicherheitsmaßnahmen (z.B. Reinigung u. Desinfektion, Schädlingsbekämpfung, Hygieneschleusen, Quarantäne) umzusetzen und die diesbezüglichen rechtlichen Vorgaben (Geflügelhygieneverordnung, Schweinegesundheits-verordnung) einzuhalten. Die Einhaltung dieser Rechtsbestimmungen wird im Rahmen behördlicher Kontrollen überprüft. Aufgabe der Tierärzte ist es, Krankheitsprävention durch unterstützende Beratung und immunprophylaktische Maßnahmen zu betreiben. Weiters müssen sie die für die Anwendung von Tierarzneimitteln bestehenden Vorschriften (Tierarzneimittelkontrollgesetz, Veterinär-Arzneispezialitäten-Anwendungs-Verordnung, TGD-Verordnung, Leitlinien für den sorgfältigen Umgang mit antibakteriell wirksamen Tierarzneimitteln) beachten. Deren Einhaltung wird sowohl im Rahmen behördlicher Kontrollen als auch im Rahmen von internen und externen Kontrollen des Tiergesundheitsdienstes überprüft. Für einen gezielten Einsatz von Antibiotika sind Kenntnisse über die Art der krankheitsauslösenden Erreger und deren Empfindlichkeit gegenüber Antibiotika wesentlich. Daher bietet das Labor der Veterinärdirektion eine kostenfreie Erregerisolierung und Antibiogramm-Erstellung bei von Tierärzten und Landwirten gezogenen Proben an und fördert auch der steirische Tiergesundheitsdienst diverse Laboruntersuchungen. Einen wesentlichen Faktor stellen auch Fortbildungsveranstaltungen zur Bewusstseinsbildung hinsichtlich Antibiotikaresistenzen dar. Diesbezüglich wird auf die vom Land Steiermark geförderten gemeinsamen Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte und Tierärzte zum Thema Antibiotikaresistenzen und auf spezifische Fachseminare des Tiergesundheitsdienstes verwiesen. Hinsichtlich einer Minimierung des Austrags von antibiotikaresistenten Keimen aus der Tierhaltung ist festzustellen, dass ein solcher unter Praxisbedingungen nicht verhindert werden kann. Bei Freiland- und Auslaufhaltung ist eine Minimierung überhaupt nicht möglich und bei Stallhaltung nur durch eine aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen nicht vertretbare Ausstattung der Stallungen mit Zwangsbelüftungsanlagen und keimdichten Luftfiltern sowie eine Desinfektion der Einstreu und aller Ausscheidungen (Festmist, Gülle) vor dem Ausbringen aus dem Stall.

Ad 5:

Daten zum Vorkommen antibiotikaresistenter Erreger in Lebensmitteln sind den jährlich publizierten Antibiotika-Resistenzberichten (AURES) des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz zu entnehmen. Darüber hinaus gehende spezifische Daten für das Bundesland Steiermark sind mir nicht bekannt.

Ad 6:

Siehe Antwort zu Frage 4

Ad 7:

Bei Colistin handelt es sich um ein Antibiotikum aus der Gruppe der Polymyxine. Im Unterschied zu anderen Mitgliedstaaten wird dieses Antibiotikum in Österreich nur sehr wenig eingesetzt. Im Jahr 2018 entfielen nur 3,4% der von Tierärzten bezogen Antibiotikamengen auf Polymyxine. Hinsichtlich der Maßnahmen zur weiteren Reduktion siehe Antwort zu Frage 4.

Ad 8:

Ein gänzliches Verbot dieser Substanzen oder Substanzgruppen kann ich mir schwer vorstellen, da es in Einzelfällen auch Tiere geben wird, bei denen der Einsatz dieser Substanzen aufgrund nicht wirksamer anderer Antibiotika aus Tierschutzgründen angezeigt sein kann. Noch striktere Vorgaben für den Einsatz dieser Reserveantibiotika werde ich jedoch unterstützen.

Ad 9:

Es liegt in der Natur der Sache, dass es Betriebe gibt, die weniger und mehr Antibiotika als der Durchschnitt einsetzen. Dies hängt vor allem mit dem Auftreten von Infektionskrankheiten zusammen, die Betriebe mit unterschiedlicher Häufigkeit und Intensität treffen. Mir persönlich sind Betriebsdaten nicht bekannt. Die Veterinärbehörde nutzt jedoch die Ihr zugänglichen Daten, um Betriebe mit höherem Antibiotikaverbrauch risikobasiert verstärkt zu kontrollieren. Behördliche Maßnahmen bei nachvollziehbaren überdurchschnittlich häufigen Antibiotikaeinsatz sind gesetzlich nicht vorgesehen. Aus Kostengründen liegt es aber im Interesse der Betriebe selbst, durch verstärkte Biosicherheitsmaßnahmen den Eintrag von Infektionserregern zu minimieren und die Notwendigkeit eines Antibiotikaeinsatzes zu deren Bekämpfung so gering wie möglich zu halten. Im Sinne eines Benchmarkings können Landwirte im Wege über den Tiergesundheitsdienst bei der AGES betriebsspezifische Auswertungen anfordern, um gemeinsam mit ihrem Betreuungstierarzt eine betriebsspezifische Strategie zur Verbesserung der Biosicherheit und Senkung des Antibiotikaeinsatzes zu entwickeln.

Ad 10:

Verstöße gegen das Verbot einer prophylaktischen Verabreichung von Antibiotika sind mir nicht bekannt. Der Einsatz von Tierarzneimitteln in Nutztierbeständen wird aufgrund eines vorgegebenen nationalen Stichprobenplans und im Anlassfall (z.B. bei positiven Rückstandsbefunden) von Amtstierärztinnen und Amtstierärzten kontrolliert. Dabei werden jährlich ca. 500 Betriebe auf die Einhaltung der Vorgaben des Tierarzneimittelkontrollgesetzes überprüft. Gemäß Artikel 9 Abs. 4 der Verordnung (EU) 2017/625 des Europäischen Parlaments und des Rates über amtliche Kontrollen haben amtliche Kontrollen prinzipiell ohne Vorankündigung zu erfolgen. Ausnahmen hiervon gibt es nur, wenn eine Vorankündigung hinreichend begründet und notwendig ist, damit die amtliche Kontrolle durchgeführt werden kann. Verstöße gegen Bestimmungen des Tierarzneimittelkontrollgesetzes können sowohl strafrechtlich als auch verwaltungsrechtlich geahndet werden.

Ad 11:

Bei Tieren, die aufgrund bakteriell verursachter Krankheiten einer tierärztlichen Behandlung bedürfen, wird an einer Antibiotikatherapie laut Experten kein Weg vorbeiführen. Andererseits ist es mit einer entsprechenden Immunprophylaxe möglich, das Auftreten bestimmter Infektionserkrankungen hintanzuhalten und damit den Einsatz therapeutischer Antibiotikagaben zu erübrigen. Da es nicht gegen alle Erreger wirksame Impfstoffe gibt, werden als Vorbeugung zunehmend sogenannte Probiotika, das sind verschiedene, nicht krankmachenden Bakterienarten und Hefen, die einen positiven Einfluss auf die Darmflora haben und krankmachende Keime verdrängen sollen, eingesetzt. Kontroversiell diskutiert wird der Einsatz von Homöopathika.

Ad 12:

In Hinblick auf die allfällige Förderung von Forschungsvorhaben wird auf die Richtlinie des Referates Wissenschaft und Forschung der Abteilung Gesundheit, Pflege und Wissenschaft (https://www.wissenschaft.steiermark.at/cms/dokumente/12590595_145295577/39c74d35/F%C3%B6rderrichtlinie_2018_final.doc) verwiesen.

Ad 13:

Aktuell geforscht wird an Therapiemöglichkeiten für bakterielle Infektionskrankheiten mittels Bakteriophagen.